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Agnolis Kritik der Politik
Das Elend der Politikwissenschaft und der Staatsfetisch in der marxistischen Theorie
Stephan Grigat   
Sunday, 21 January 2007
Als Johannes Agnoli aufhörte an der Freien Universität in Berlin zu
 
lehren, begann ich dort zu studieren. Einen Eindruck davon, was ich
 
dadurch versäumt habe, bekam ich spätestens bei der Lektüre der
 
"Subversiven Theorie", eines Mitschnitts von Agnolis vorletzter
 
Vorlesung an der Freien Universität Berlin, die mittlerweile als dritter
 
Band seiner Gesammelten Schriften vorliegt. Liest man diese
 
Ausführungen, wird einem klar, daß in den Hörsälen der Lehranstalten
 
nicht zwangsläufig jene akademische Langeweile herrschen muß, die
 
heutzutage fast alle Studenten und Studentinnen erleiden müssen. Und man
 
kann nur hoffen, daß sich noch mehr ehemalige Studierende finden, die im
 
Besitzvon halbwegs vollständigen Mitschriften oder Mitschnitten von
 
anderen Agnoli-Vorlesungen sind, damit auch diese veröffentlicht werden
 
können.
 
Agnoli versucht in der "Subversiven Theorie" von den antiken und
 
christlichen Mythen über das Mittelalter bis zur Neuzeit die Geschichte
 
der theoretisch-intellektuellen und der praktischen Subversion
 
nachzuzeichnen. Er liefert Beispiele für einen möglichen anderen Umgang
 
mit politischer Philosophie- und Ideengeschichte und zeigt, wie
 
widerständige, subversive oder auch einfach nur unbequeme Denker und vor
 
allem Denkerinnen im Mainstream der Wissenschaften mißachtet,
 
fehlinterpretiert oder auch pathologisiert wurden und werden. Den
 
Begriff der Subversion definiert er als Form menschlicher Emanzipation
 
in finsteren, also in repressiven und konterrevolutionären Zeiten. Die
 
Subversion ist nicht die Revolution selbst, sondern ihre Vorbereitung.
 
Subversion ist nicht Negation der Negation, was nach Agnoli Versöhnung
 
implizieren würde, sondern "Negation sans phrase, Negation als
 
destructio, als eigenwillige Vernunft." [1] Sie ist
 
eine sowohl theoretische als auch praktische Tätigkeit, die die Ordnung
 
angreift, ohne jedoch wie die Vertreter und Vertreterinnen der
 
konformistischen Revolte eine "noch ordentlichere Ordnung" [2] einzufordern.
 
Agnolis Vorlesung wird hier aber nicht in erster Linie wegen der in ihr
 
angestellten Überlegungen zur Subversion in der politischen
 
Ideengeschichte erwähnt, sondern vor allem deswegen, weil sich bei
 
Agnolis Streifzug durch die Philosophiegeschichte immer wieder die
 
Grundzüge seiner Kritik der Politik, wie er sie über Jahre in seinen
 
bekannteren Texten entwickelt hat, erkennen lassen. Wenn es zum Wesen
 
der Subversion gehört, daß der Mensch sich dagegen wendet, immer nur
 
Gegenstand, reines Objekt zu sein, so müßte sich die Subversion auch
 
gegen die Politik richten, denn in ihr ist der Mensch "nie Mittelpunkt
 
der Politik (wie die Parteien sagen), sondern er ist ein Mittel der
 
Politik - etwa im Wahlakt als bloßes Mittel der Machtverteilung der
 
Parteien untereinander." [3] Gegen die
 
Institutionalisierung der Subversion setzt Agnoli seine prinzipielle
 
Parlamentarismuskritik. Am Beispiel der "Anti-Institution" des römischen
 
Volkstribunats legt er dar, daß Macht nicht dann wirksam kontrolliert
 
und schon gar nicht sabotiert werden kann, wenn sich die Subversion auf
 
die Institutionen der Macht einläßt, sondern nur dann, "wenn die
 
Vernunft auf der Straße in Permanenz tagt." [4] Als
 
Konsequenz aus dieser Kritik der Politik geht es Agnoli auch
 
perspektivisch gesehen nicht, wie wir es heute aus den Debatten über die
 
Globalisierung zur Genüge kennen, um eine Rettung der Politikoder um
 
eine Verteidigung der politischen Sphäre gegen die ökonomische, sondern
 
schlicht um die Abschaffung der Politik. Gegen die Gleichsetzung von
 
Politik und Öffentlichkeit im bürgerlichen Bewußtsein hält er an der
 
Marxschen Kommunismusvorstellung fest: "eine Öffentlichkeit ohne
 
politischen Charakter, das heißt eine Öffentlichkeit ohne
 
Herrschaftsstrukturen." [5]
 
 
*Agnolis Demokratie- und Staatskritik
 
*
 
Politik als Instrument der Herrschaft zu begreifen hat in der Linken
 
eine lange Tradition. Die politischen Machtmittel, allen voran das
 
Gewaltmonopol des Staates, wurden als Unterdrückungsinstrument der
 
herrschenden Klasse interpretiert. Die Aufrechterhaltung der
 
politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Macht des Bürgertums
 
wurde zwar als Wesen der bürgerlichen Politik angesehen, aber nicht als
 
das Wesen von Politik überhaupt. In der Regel wurde davon ausgegangen,
 
Politik sei etwas Neutrales, erst mit Inhalten zu Füllendes, das von den
 
Herrschenden nur für ihre Zwecke instrumentalisiert wird. Die
 
traditionelle Linke leistete nur eine Kritik der bürgerlichen Politik,
 
nicht der Politik überhaupt. Agnoli stellte diesbezüglich eine der
 
wenigen Ausnahmen dar. Er hat sich schon früh einer allgemeinen Kritik
 
der Politik - eine Begrifflichkeit, die sich schon beim jungen Marx
 
findet, [6] aber im Marxismus keine große Beachtung
 
gefunden hat - zugewendet. Seine "Transformation der Demokratie" gilt
 
als einer der einflußreichsten Texte der Außerparlamentarischen
 
Opposition in der BRD und auch in Österreich. Damals wurde Agnoli nicht
 
nur in der linken Bewegung und im links-akademischen Bereich zur
 
Kenntnis genommen, sondern ebenso in etablierten und staatstragenden
 
Publikationen rezipiert. Heute hingegen werden seine Überlegungen in der
 
etablierten wissenschaftlichen Literatur kaum mehr zur Kenntnis
 
genommen. Nimmt man sich ihrer doch noch einmal an, so werden sie
 
bestenfalls als "Produkte ihrer Zeit" und schlimmstenfalls als
 
"linksfaschistisch" abqualifiziert. [7] Daß auch
 
die Mehrzahl der ehemaligen 68er von Agnoli nichts mehr hören wollen,
 
ist dabei nur allzu verständlich. Hätten sie seine Demokratie-, Staats-
 
und Institutionenkritik ernst genommen, hätten sie weder den von ihnen
 
so geliebten Marsch durch die Institutionen antreten noch sich
 
massenhaft und voller Enthusiasmus am Projekt der grünen Parteien
 
beteiligen können.
 
Im Anschluß an Agnoli und in Abgrenzung zu den Vorwürfen, die ihm im
 
Rahmen der staatsfetischistischen Politikwissenschaft gemacht wurden,
 
geht es auch heute noch darum, die strukturellen Grenzen der Politik
 
aufzuzeigen und so den unterschiedlichen Spielarten des Reformismus
 
ihren Idealismus vor Augen zu führen. Gleichzeitig muß aber auch eine
 
Kritik an Agnoli geleistet werden, da einige seiner zentralen
 
Begrifflichkeiten gerade vor dem Hintergrund der in der Marxschen Kritik
 
der politischen Ökonomie entwickelten Wert- und Fetischkritik, die in
 
den letzten Jahren in der Linken etwas mehr von jener Beachtung erfahren
 
hat, die sie schon immer verdient hätte, fragwürdig erscheinen. Bei der
 
folgenden Darstellung einiger Grundzüge von Agnolis Staats- und
 
Politikkritik wird seine mitunter zu hinterfragende Diktion -
 
beispielsweise sein fast durchgängig unvoreingenommen positiver Bezug
 
auf die "Beherrschten" - zunächst jedoch weitgehend übernommen.
 
Das Parlament ist für Agnoli eine spezielle Form der Repräsentation von
 
Herrschaft, die mittels des Wahlaktes die Illusion der Selbstbestimmung
 
der Beherrschten aufrechterhält. Zur Wahrnehmung dieser Funktion bedarf
 
es der Präsenz der tatsächlichen gesellschaftlichen Macht im Parlament,
 
nicht aber unbedingt der tatsächlichen Macht des Parlaments. Das
 
Parlament spielt bei der Transformation von Herrschaftskonflikten in
 
Führungskonflikte eine entscheidende Rolle. Der Herrschaftskonflikt
 
findet zwischen zwei antagonistischen Gruppen statt, die sich
 
ausschließende Ziele verfolgen. Agnoli hat hierbei in erster Linie den
 
Konflikt zwischen Arbeit und Kapital im Auge, der für ihn - in diesem
 
Punkt eher einem traditionalistischen Marx-Verständnis folgend - in
 
seiner ursprünglichen Konstitution einen über das System hinausweisenden
 
Widerspruch darstellt. Ein Führungskonflikt hingegen wird systemimmanent
 
ausgetragen. Es handelt sich um die Konkurrenz verschiedener
 
Führungseliten. Ein wesentliches Element der Transformation der
 
Demokratie in einen autoritären Staat rechtsstaatlichen Typs ist also
 
die Transformation des aus dem Widerspruch von Arbeit und Kapital
 
entstehenden Herrschaftskonflikts in einen Führungskonflikt, bei dem es
 
inhaltlich nur mehr um die Konkurrenz um die beste Betreuung des
 
Widerspruchs von Kapital und Arbeit geht.
 
Den Wahlakt analysiert Agnoli in unmittelbarer Anlehnung an die
 
Kategorien aus der Werttheorie. Die Wähler und Wählerinnen sehen sich
 
selbst als bewußte Verbraucher und Verbraucherinnen von auf dem Markt
 
angebotenen politischen Gütern, "die von den Konsumenten selbst als
 
Gebrauchswerte verstanden werden, während in Wirklichkeit diese Güter
 
durchaus reale Tauschwerte darstellen. Sie werden auf dem Machtmarkt als
 
Tauschwerte realisiert, um die in den Wahlkampf investierte politische
 
Machtposition profitabel zu machen." [8] Die Wahl
 
des Parlaments ist zentrales Moment der Legitimation von Herrschaft. Mit
 
der Vollziehung des Wahlaktes akzeptieren die Wählerinnen und Wähler die
 
Herrschaft über sich, weil sie der Illusion nachhängen, sie
 
gegebenenfalls auf selben Wege abschaffen zu können.
 
Agnoli grenzt sich bei seiner Staatskritik sowohl von Vorstellungen ab,
 
die den Staat im modernen Kapitalismus als allumfassenden Organisator
 
sehen, der selber die Kapitalfunktionen unmittelbar wahrnimmt, als auch
 
von Theorien, die dem Staat keinerlei autonomes Handeln zugestehen. Er
 
bricht mit dem dogmatisch gesetzten und interpretierten
 
Basis-Überbau-Schema und verwehrt sich gegen eine Betrachtung des
 
Staates als reinem Überbau-Phänomen. Der Staat ist vielmehr "ganz fest
 
in der gesellschaftlichen Basis (...) verhaftet." [9] Agnoli weist in diesem
 
Kontext auf den
 
Zusammenhang zwischen der theoretischen Einschätzung des Staates und der
 
politischen Orientierung hin. Die Betrachtung des Staates als reines
 
Überbauphänomen birgt, wie er am Beispiel der italienischen KP ausführt,
 
[10] die Gefahr reformistischer Orientierung
 
bereits in sich.
 
Der Staat ist mehr als ein Erfüllungsgehilfe der Ökonomie. Agnoli hat
 
nachdrücklich darauf verwiesen, daß der Staat im Kapitalismus nicht
 
einfach der Staat der Kapitalisten ist, sondern der Staat des Kapitals,
 
wobei das Kapital als ein gesellschaftliches Verhältnis und nicht als
 
ein monolithischer Machtblock verstanden werden muß. Der Staat formiert
 
die bürgerliche Klasse zu einer Einheit, die durch den Zirkulations-
 
oder Produktionsprozeß nicht gegeben ist. Er setzt einerseits
 
spezifische Klasseninteressen des Kapitals durch und gleicht
 
widerstrebende Interessen zwischen einzelnen Kapitalfraktionen aus.
 
Andererseits berücksichtigt er aber auch allgemeine,
 
klassenübergreifende Interessen, faßt gesellschaftliche Widersprüche
 
zusammen und geriert sich als Garant des Allgemeinwohls, weshalb er "als
 
politisches System kein 'Agent' des Kapitals" [11]
 
ist.
 
Entsprechend seiner prinzipiellen Kritik an der Form Staat, die den
 
"objektiven Zwangscharakter der Reproduktion" [12]
 
garantiert, wendet sich Agnoli gegen die Vorstellung der Möglichkeit
 
einer Benutzung des Staates für sozialistische oder kommunistische
 
Inhalte. Im auch heute noch von vielen Parteimarxisten und
 
-marxistinnnen propagierten Konzept einer staatlich organisierten
 
Übergangsgesellschaft erkennt er das Problem, "daß (...) gerade der
 
Staat, der den Übergang besorgen soll, zugleich von Anfang an beginnt
 
abzusterben." [13] Agnoli kritisiert also nicht
 
nur den bestehenden, als Demokratie organisierten Staat, sondern wendet
 
sich gegen alle auf die Form Staat fixierten Emanzipationsansätze.
 
Er unterscheidet grundsätzlich zwischen einer fundamentalen Opposition
 
und einer integrierten Opposition. Die integrierte Opposition, die das
 
bestehende System konstruktiv mitgestalten möchte, geht in fast allen
 
Fällen aus der fundamentalen Opposition hervor. Aber nicht nur die
 
integrierte, sondern auch die Fundamentalopposition neigt dazu, die in
 
der Gesellschaft vorgegebenen politischen Regeln zu akzeptieren. Es wird
 
gehofft, durch die Akzeptanz dieser Regeln die Möglichkeit zu erhalten,
 
die eigene radikale Kritik einer größeren Öffentlichkeit bekannt und
 
plausibel machen zu können. Nach Agnoli wird dabei übersehen, daß die
 
Kritik der politischen Regeln ursprünglich zum integralen Bestandteil
 
der inhaltlichen Kritik jeder emanzipativen Fundamentalopposition
 
gehörte. Mit der vermeintlich nur formalen Anpassung vollzieht sich
 
demnach immer auch sogleich eine inhaltliche.
 
Die materielle Grundlage der Politik ist der Erfolg des unter der Obhut
 
eines Staates produzierenden Kapitals. Die ökonomische Existenzbedingung
 
des Staates ist die Aufrechterhaltung der Mehrwertproduktion. Der Staat
 
hat die Grundlagen zur erfolgreichen Kapitalakkumulation zu garantieren
 
und möglichst zu verbessern. Durch die Besteuerung des produzierten
 
Mehrwerts und der Löhne eignet sich der Staat seine materielle Grundlage
 
an und erhält so die Möglichkeit zur Politik. Das strukturelle Problem
 
für emanzipative Politik besteht darin, daß der Staat, sobald seine
 
politischen Maßnahmen eine Quantität und Qualität annehmen, daß sie
 
tatsächlich als Beitrag zu einer Emanzipation verstanden werden könnten
 
und nicht mehr nur eine andere Verteilung des Elends bedeuten, sich
 
tendenziell selbst seine materielle Basis entzieht. Durch emanzipative
 
Politik werden die Möglichkeiten zur Kapitalakkumulation eingeschränkt.
 
Die Masse des Mehrwerts sinkt und konservative Politikerinnen und
 
Politiker sowie Wirtschaftsführer und -führerinnen behalten unabhängig
 
von allem ideologischen und strategischen Brimborium recht, wenn sie
 
meinen, wo nichts ist, kann auch nichts verteilt werden. Greift der
 
Staat derart in die Produktion ein, daß die Mehrwertproduktion
 
verringert wird, kratzt er bereits an seiner Fähigkeit zu weiteren
 
Interventionen, da er beginnt, sich selbst seine Lebensgrundlage
 
streitig zu machen. [14]
 
 
*Das Unverständnis der Politikwissenschaft für Politikkritik
 
*
 
Agnoli ist aus naheliegenden Gründen stets auf Unverständnis und Kritik
 
seitens der etablierteren Politikwissenschaft gestoßen. Johano Strasser,
 
selbst längere Zeit in der Außerparlamentarischen Opposition aktiv,
 
teilte zwar Agnolis Einschätzung, daß Wahlen in der bürgerlichen
 
Demokratie die Funktion haben, "bestehende Herrschaft legitimatorisch
 
abzusichern" [15] und systemstabilisierend zu
 
wirken, kann sich aber mit den Implikationen einer derartigen
 
Einschätzung nicht wirklich anfreunden und spricht deshalb vom
 
widersprüchlichen Charakter des Wahlaktes. Abermals muß das, was alle
 
sich angewöhnt haben, Dialektik zu nennen, zur Legitimation einer
 
reformistischen Strategie herhalten. Im Gegensatz zu Agnoli
 
schwadroniert Strasser über die angeblich auch in den 70er Jahren
 
weiterhin existente widersprüchliche Natur des Prinzips der allgemeinen,
 
freien und geheimen Wahlen. Sie seien neben ihrer
 
herrschaftslegitimatorischen Funktion zugleich die sinnvollste
 
Möglichkeit, einen "dem kapitalistischen Interesse antagonistisch
 
entgegenstehenden Mehrheitswillen" [16] zu
 
artikulieren. Dabei gerät völlig außer acht, daß die massenhafte
 
antikapitalistische Mobilisierung so lange kontrollierbar bleibt, wie
 
sie sich in dem vorgegebenen Rahmen und in den angebotenen Institutionen
 
bewegt. In solch einem Fall bleibt es bei der wieder integrierbaren
 
Manifestation eines antikapitalistischen Interesses, das sich, wollte es
 
tatsächlich zur Realisierung der Emanzipation schreiten, gerade
 
außerhalb der für den entwickelten Kapitalismus adäquaten politischen
 
Formen artikulieren müßte.
 
Strasser, damit beispielhaft für eine sich als links verstehende
 
Politikwissenschaft, ging in seiner Verherrlichung des Staates soweit,
 
daß er ihn zur "institutionellen Voraussetzung des Sozialismus" [17] erhob.
 
Nicht nur die anarchistische Vorstellung
 
von der spontanen Abschaffung des Staates sei idealistisch, sondern auch
 
die Theorie vom Absterben des Staates würde "für sozialistische Politik
 
ihre Relevanz verlieren." [18] Die Emanzipation
 
von Ausbeutung und Unterdrückung soll demnach in der politischen
 
Zwangsform Staat ihren höchsten Ausdruck finden - ein durchaus
 
folgerichtiges Resultat, wenn man "sozialistische Politik" machen will,
 
anstatt Kritik der Politik zu betreiben.
 
Den Beweis für die Möglichkeit eines friedlichen Übergangs zum
 
Sozialismus sah Strasser, stellvertretend für alle Juristensozialisten,
 
in den Formulierungen des Grundgesetzes der BRD, das die Möglichkeit des
 
Sozialismus offen lasse. [19] Zum einen wird damit
 
suggeriert, daß, sollte sich tatsächlich einmal ein massenhafter
 
Widerstand gegen Kapital und Staat artikulieren, die Emanzipation durch
 
den Wahlakt herbeigeführt werden könnte, weil die Verfassung das
 
schließlich erlaube. Was in solchen Fällen tatsächlich passiert, was
 
also geschieht, wenn die herkömmlichen Integrationsleistungen der
 
transformierten Demokratie nicht mehr greifen, nämlich der ungehemmte
 
Rückgriff auf faschistische oder zumindest offen autoritäre
 
Herrschaftstechniken, hätte auch schon zur Zeit der Entstehung von
 
Strassers Agnoli-Kritik allgemein bekannt sein können. Zum anderen ist
 
die Behauptung, das Grundgesetz lasse die Möglichkeit der
 
Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse offen, schlichtweg
 
falsch. Die Artikel 18 und 21 GG schreiben unmißverständlich die
 
allgemeine Verpflichtung zur Verfassungstreue aller Bürger und
 
Bürgerinnen fest. Agnoli bemerkte dazu treffend: "So kommt es zu dem
 
erstaunlichen Schluß, daß in der BRD der grundsätzliche
 
Verfassungsdissens einfach unter Verbot steht." [20] Da jeder Kommunismus, der
 
den Namen verdient, mit
 
dem Grundgesetz brechen müßte, anstatt es in der Tradition der
 
Abendroth-Schule verwirklichen zu wollen, liegt es klar zu Tage, daß die
 
allgemeine Emanzipation in der BRD unter Strafandrohung steht.
 
Eine andere Kritik an Agnoli zielt darauf, daß es in der "Transformation
 
der Demokratie" an einer ausdifferenzierten Untersuchung einzelner, in
 
der Demokratie zentraler Institutionen und deren jeweiliger Bedeutung
 
bei dem konstatierten Involutionsprozeß fehle. [21] Tatsächlich erfährt in der
 
"Transformation"
 
lediglich das Parlament eine genauere Beachtung. Auch in den späteren
 
Schriften Agnolis finden sich eher vereinzelte Hinweise zur Analyse der
 
Struktur und Wirkungsweise einzelner Institutionen. Sein Verdienst
 
besteht aber gerade darin, eine allgemeine Theorie zur Kritik der
 
Demokratie und des Staates entwickelt zu haben, die einzelne Beispiele
 
nicht immer systematisch analysiert, sondern oft nur zur Illustration
 
heranzieht. Nicht zuletzt deswegen hat Agnoli mehrfach auf den häufig
 
nur vorläufigen Charakter seiner Arbeitsergebnisse verwiesen. Trotz
 
dieser Vorläufigkeit will er sie aber als Handlungsanleitungen
 
verstanden wissen, da sich erst in der Praxis ihr Wahrheitsgehalt
 
endgültig erweisen kann. Wird die Analyse praktisch, "so beweist sie
 
sich von selbst." [22]
 
Einer der häufigsten Vorwürfe, der gegen Agnolis radikale Kritik erhoben
 
wurde, ist jener der Destruktivität. Einerseits beteiligt er sich nicht
 
an der Suche nach alternativen politischen Formen zur besseren
 
Verwaltung des Kapitalismus. Andererseits bietet er aber auch keine
 
konkreten Alternativen für eine potentielle nachkapitalistische
 
Gesellschaft an. Ganz im Gegenteil: sowohl die realsozialistische und
 
parteikommunistische Vorstellung von einer vom Kapital emanzipierten
 
Gesellschaft und von der zur Erlangung solch einer Gesellschaft
 
notwendigen Organisationen, als auch alternative linksradikale
 
Organisationsformen erscheinen ihm kritikwürdig - auch wenn seine
 
Sympathie für letztere außer Frage steht. Gerade diese negativistische
 
Ausrichtung seiner Kritik, die allen linksalternativen Politikberatern
 
verständlicher Weise ein Greuel war, machen seine Einwände gegen die
 
herrschende Ordnung so brauchbar. Selbst Autoren, die sich kritisch mit
 
linksradikaler Demokratiekritik auseinandergesetzt haben, mußten schon
 
früh die Sinnlosigkeit der näheren Bestimmung einer Verwirklichung der
 
Befreiung von Staat und Kapital zugestehen. [23]
 
So wie sich in der Kritik der politischen Ökonomie Sinn, Notwendigkeit
 
und Möglichkeit der Abschaffung der Warenförmigkeit der menschlichen
 
Arbeitsprodukte und damit auch von Geld und Kapital aus der Analyse der
 
historischen Entstehung, der Funktion und der analytisch-logischen
 
Ableitung von Wert, Geld und Kapital ergeben, so resultieren auch Sinn,
 
Notwendigkeit und Möglichkeit der Abschaffung des Staates in der Kritik
 
der Politik aus der Analyse der Politik, des Staates und seiner
 
gegenwärtigen demokratischen Verfaßtheit und nicht aus einer bis ins
 
letzte Detail konkret ausformulierten Utopie von einer herrschaftsfreien
 
Assoziation freier Individuen. Eben diese Analyse hat sich Agnoli, der
 
von sich selbst sagt, er sei "eines konstruktiven Denkens nicht fähig",
 
[24] zur Aufgabe gemacht.
 
Diese sympathische Unfähigkeit zur Konstruktivität unterscheidet ihn von
 
den Zivilgesellschaftsfanatikern von heute, die Ende der 80er Jahre der
 
kapitalistischen Restaurierung und nationalistischen Mobilisierung im
 
Osten ihren humanistischen Anstrich verpaßt haben, und die Agnolis
 
Demokratie- und Staatskritik nur mehr im Vorwort abhandeln. Für Rödel,
 
Frankenberg und Dubiel ist seine Theorie entgegen ihrem eigenen Anspruch
 
dogmatisch marxistisch. Immanent lasse sie sich nicht kritisieren. Sie
 
sei daher gegen jeden empirischen Gegenbeweis immunisiert: "Sowohl die
 
Intensivierung staatlicher Herrschaft wie auch ihre rechtsstaatliche
 
Regulierung, sowohl die Ausweitung liberaler Demokratie wie auch ihre
 
Einschränkung - alles geschieht (nach Agnoli, Anm. S. G.) in der
 
Absicht, den politisch-ökonomischen Status quo zu sicher." [25] Die Einwände
 
gegen Agnoli liefern in diesem Fall
 
ungewollt einen Hinweis auf die Richtigkeit der kritisierten Ausführungen.
 
 
Früher mag es (vor allem bei den Jusos) noch den einen oder die andere
 
gegeben haben, der oder die an eine systemüberwindende Kraft der
 
geforderten, aber aus Gründen, die sich bei Agnoli finden lassen, nie
 
verwirklichten demokratiepolitischen Reformen geglaubt hat. Inzwischen
 
ist in westlichen Demokratien niemand mehr anzutreffen, der bei der
 
Begründung seiner jeweiligen Forderungen, richten sie sich nun auf die
 
Einschränkung oder auf die Erweiterung der Demokratie, ernsthaft
 
verlauten lassen würde, er ziele auf den Umsturz des
 
"politisch-ökonomischen Status quo", also auf die Abschaffung von Staat,
 
Kapital und Patriarchat. Die Einsicht in die Tatsache, daß sowohl
 
reaktionäre und konservative als auch sozialdemokratische und
 
linksalternative Politik auf die beste aller möglichen staatlichen
 
Verwaltungsformen der bürgerlich-kapitalistischen Warenproduktion
 
hinausläuft, ist offensichtlich so banal wie folgenschwer, daß sich die
 
Apologeten der Zivilgesellschaft mit Händen und Füßen dagegen wehren
 
müssen.
 
Rödels, Frankenbergs und Dubiels Behauptung, Agnolis "kühl zur Schau
 
gestellte Illusionslosigkeit" bei der Analyse des bürgerlichen Staates
 
schlage in eine "unpolitische, idealistische Euphorie (um), wenn vom
 
nach-kapitalistischen Zustand die Rede ist" [26]
 
erweist sich schon aufgrund des oben bereits angerissenen Verhältnisses
 
von Agnoli zu Kritik und Utopie als Unsinn. Bei ihm ist vom
 
nach-kapitalistischen Zustand in aller Regel überhaupt nicht die Rede.
 
 
*Subjektlose Herrschaft und politische Strategie
 
*
 
Nicht alle Diskussionen im Anschluß an Agnolis Kritik bewegten sich auf
 
dem Niveau von linksliberalen Demokratiefanatikern. Die Frage, inwieweit
 
Politik ausschließlich als bewußtes Handeln zur Herrschaftssicherung
 
verstanden werden kann, die ernster zu nehmen ist als die Einwände der
 
Habermas-Haberer, tauchte schon bei Auseinandersetzungen in den 70er
 
Jahren auf. Agnoli wurde vorgeworfen, er habe die Rolle der selbstbewußt
 
handelnden Subjekte an der Spitze der bürgerlichen Gesellschaft
 
überbewertet. Die von ihm konstatierte Transformation von Herrschafts-
 
zu Verteilungskonflikten sei nicht das Resultat bewußter Strategie,
 
sondern das "Ergebnis der Verkehrung des Klassenverhältnisses in der
 
Produktion von Wert und Mehrwert durch die entwickelte Oberfläche der
 
Konkurrenz. Nur in deren verkehrten Formen drückt sich das
 
Klassenverhältnis ebensowohl aus, wie es ständig strukturell-unbewußt
 
reproduziert wird, und bildet den Boden für das konfligierende und
 
kompromißhafte Nebeneinander gesellschaftlicher Interessen in der
 
Politik." [27] Diese Kritik, die die Marxsche
 
Fetischkritik aus den drei Bänden des "Kapital" in Erinnerung ruft,
 
löste beim Kritisierten jedoch nur Unverständnis aus. In einem Gespräch
 
mit Agnoli reagierte Ernest Mandel, in marxistischer Terminologie
 
wahrlich nicht ungeschult, auf diesen Satz mit der Frage: "Was heißt
 
das?" Agnoli darauf: "Das weiß ich auch nicht." [28] Dieses Unverständnis ist
 
ein Beispiel für die
 
Ignoranz zweier sehr unterschiedlicher Vertreter des Marxismus gegenüber
 
der Analyse der Fetischisierungen und Mystifikationen in der
 
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Dennoch hat Agnoli selbst den
 
Widerspruch zwischen bewußtem politischem Handeln zur Durchsetzung von
 
Kapital- und Staatsinteressen einerseits und dem blinden Wirken der
 
Wertgesetzlichkeiten durch das im fetischistischen Bewußtsein begründete
 
Handeln andererseits thematisiert. Der scheinbare Widerspruch zwischen
 
bewußter Aktion und blindem Wirken des Wertgesetzes löst sich auf, wenn
 
die ökonomische Verfaßtheit der Gesellschaft, ihre Warenförmigkeit, und
 
der subjektive Wille zur politischen Macht als gegenseitig abhängige,
 
aber dennoch eigenständige Sphären begriffen werden. Politische
 
Machtverschiebungen sowie Kontrolle und Reglementierung
 
gesellschaftlicher Zusammenhänge sind keineswegs blinde Prozesse. Sie
 
resultieren aus bewußten Strategien einzelner Machtgruppen. Dennoch läßt
 
sich auch von subjektloser Herrschaft sprechen. Die Existenz
 
fetischistischen Bewußtseins ist in dem Sinne total, daß es nicht von
 
einer Klasse oder gesellschaftlichen Gruppierung bewußt in die Welt
 
gesetzt wird, sondern tendenziell alle Subjekte in der entwickelten
 
warenproduzierenden und -tauschenden Gesellschaft dieser falschen
 
Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeit, die zugleich eine richtige
 
ist, da sie den alltäglichen Anforderungen an die bürgerlichen Subjekte
 
entspricht, verhaftet sind. Unbegriffenheit der inneren Bewegungsgesetze
 
des Kapitalismus und bewußte politische Handlungen zur Aufrechterhaltung
 
des Kapitalismus und seiner politischen Rahmenbedingungen existieren
 
also gleichzeitig: "Derart kann von einem Zusammenhang zwischen blind
 
wirkendem Wertgesetz und bewußter politischer Perspektivwahl und
 
-entscheidung der Führungsgruppen gesprochen werden." [29]
 
Dennoch ist der Vorwurf nicht ganz von der Hand zu weisen, daß Agnoli
 
trotz all seines Antidogmatismus und seiner schon früh formulierten
 
Kritik am Marxismus-Leninismus einige altlinke Grundirrtümer mit sich
 
herumschleppt. Besonders scharf und mitunter in einem völlig überflüssig
 
unfreundlichen, geradezu gehässigen Tonfall, inhaltlich aber in manchen
 
Punkten durchaus zutreffend, hat Peter Klein auf einige Mängel in
 
Agnolis Theorie hingewiesen. Zu recht wirft er ihm vor, daß er die
 
Demokratie fast ausschließlich als Betrugsmanöver begreift und sich sein
 
theoretisches Konzept auf eine "strategische Manöver ausführende
 
'herrschende Klasse'" [30] reduziert. Da sich
 
Klein nur auf die
 
"Transformation der Demokratie" und auf jene Texte bezieht, die
 
gemeinsam mit deren Neuauflage 1990 wieder veröffentlicht wurden, ist es
 
auch verständlich, daß er Agnoli vorwirft, daß bei ihm der
 
Kapitalbegriff ausgeblendet bleibt und auch die Wert- und
 
Warenförmigkeit nicht thematisiert wird. [31] Vor
 
dem Hintergrund von Agnolis "Staat des Kapitals" wird solch ein Vorwurf
 
zwar relativiert, aber nicht gänzlich entkräftet. Dennoch: Kleins
 
vernichtende Kritik wäre in eine Beurteilung zu transformieren, die die
 
Ambivalenzen in der Demokratie- und Staatskritik Agnolis aufzeigt. Denn
 
wie Klein so zu tun, als habe Agnoli von der Marxschen
 
Gesellschaftskritik, die eben nicht auf eine personalisierende, sondern
 
auf eine - wenn auch nicht im Sinne des Strukturalismus - strukturelle
 
Ökonomie- und Politikkritik hinausläuft, rein gar nichts verstanden,
 
verbietet sich schon auf Grund der zahlreichen Hinweise Agnolis
 
beispielsweise auf den "sekundären, instrumentellen Charakter der
 
'Herren' der Produktion". [32] Auch der
 
Kapitalbegriff wird von Agnoli nicht durchgängig ignoriert, und das
 
Kapital wird bei ihm auch keineswegs einfach als monolithischer
 
Machtblock, der den Beherrschten gegenübersteht, verstanden, sondern
 
durchaus im Sinne der Marxschen Fetischkritik begriffen. Die ökonomische
 
Qualität des Kapitals besteht nach Agnoli darin, "eine soziale
 
Gegebenheit zu sein, deren höchster Zweck ihre eigene Verwertung ist".
 
[33]
 
Der Vorwurf jedoch, daß Agnoli sich in seiner Kritik fast ausschließlich
 
auf die Manipulation der sogenannten Beherrschten durch die scheinbar
 
selbstbewußt Herrschenden konzentriert, ließe sich anhand weiterer Texte
 
untermauern und erweitern. In seinen faschismustheoretischen Schriften
 
findet sich zwar nie jener vorbehaltlose Bezug auf die angeblich nur
 
verhetzte Arbeiterklasse, das Volk oder die Massen, wie man es von der
 
nationalen Linken kennt, aber auch bei ihm ist, selbst noch wenn es um
 
den Antisemitismus geht, vorrangig von Herrschaftstechniken die Rede.
 
Agnoli weist zwar darauf hin, daß er nicht in der Lage sei, die Shoa
 
"mit irgendwelchen rationalen, marxistischen oder sonstigen Kategorien
 
zu begreifen" [34] und hält auch an seiner
 
richtigen Charakterisierung der Massenvernichtung als Ausdruck einer
 
"totale(n) Irrationalität der Herrschaft" [35]
 
fest. Den Antisemitismus vor dem Schritt zur bürokratisch organisierten
 
und industriell betriebenen Massenvernichtung im Nationalsozialismus
 
begreift aber auch er nur als Mittel zu einem außerhalb des
 
Antisemitismus liegendem Zweck. Die Behauptung von der
 
"jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" wird von ihm nicht als
 
selbst geglaubte Lüge, als aus dem auf die Spitze getriebenen Irrsinn
 
kapitalistischer Warenproduktion und staatlicher Herrschaft
 
resultierende pathologische Projektion begriffen, sondern als eines der
 
"Hauptinstrumente zur Integration und Manipulation auf Massenniveau" [36]
 
beschrieben. Es besteht hier die Gefahr einer
 
Verkürzung des Antisemitismus auf ein besonders hinterhältiges
 
Herrschaftsmittel, das den selbstbewußt Herrschenden zur kalkulierten
 
Machtsicherung je nach Lage der Dinge frei zur Verfügung steht. Der real
 
vorhandene Antisemitismus in herrschenden Kreisen droht dadurch
 
unbeachtet zu bleiben und in bezug auf die aus ihm ableitbaren
 
Handlungen ebenso unterschätzt zu werden wie der auch ohne große
 
Überredung oder Manipulation "von oben" vorhandene Antisemitismus bei
 
den abhängigen Klassen.
 
Agnoli selbst hat mehrfach nachdrücklich darauf hingewiesen, daß wir es
 
in den europäischen Nachkriegsstaaten keineswegs mit Gesellschaften zu
 
tun haben, die aus dem Nichts entstanden sind, sondern mit
 
postfaschistischen Gesellschaften, die zahlreiche Komponenten des
 
Faschismus, wie beispielsweise den Korporatismus, in modifizierter Form
 
in sich aufgenommen haben. Wenig Beachtung hingegen erfährt bei ihm die
 
Tatsache, daß es sich bei der BRD nicht nur um einen postfaschistischen,
 
sondern vor allem um einen postnationalsozialistischen Staat handelt.
 
Auch wenn Agnoli stärker und früher als andere auf Unterschiede zwischen
 
dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus
 
hingewiesen hat, fehlt es bei ihm zuweilen an einer antideutschen
 
Zuspitzung der Kritik, die die modifizierte Fortexistenz der
 
verfolgenden und sich verfolgt fühlenden nationalsozialistischen
 
Volksgemeinschaft im volksgemeinschaftlichen Verfassungskonsens der BRD
 
ins Visier zu nehmen hätte. Genau in diesem Mangel ist das Einfallstor
 
für die altlinken Irrtümer in seinen häretischen Marxismus auszumachen.
 
Die klare Trennung in Herrschende und Beherrschte, bei der viel von
 
Klasseninteressen, aber wenig von der deutschen Volksgemeinschaft die
 
Rede ist, bleibt bei ihm ebenso aufrecht wie die theoretische
 
Vorstellung einer Trennung von Staat und Gesellschaft. Stefan Vogt und
 
Andreas Benl haben zu Recht darauf hingewiesen, daß diese beiden
 
Ausgangsthesen "in Deutschland seit dem Nationalsozialismus hinfällig
 
geworden (sind)", und daß Agnoli mit diesen Grundannahmen seinen eigenen
 
Ergebnissen, nämlich der "Charakterisierung der Bundesrepublik als
 
autoritäre Demokratie, die die volksgemeinschaftliche Basis
 
rechtsstaatlich anstatt terroristisch herzustellen bemüht ist", [37]
 
widerspricht.
 
Bei aller Kritik an Vorstellungen von einem revolutionären Automatismus,
 
der in den Aktionen der Arbeiterklasse immer schon die Befreiung am
 
Werke sieht, finden sich auch in Agnolis Texten aus den 60er und 70er
 
Jahren immer wieder Äußerungen, die man heute als arbeitertümelnd oder
 
massenverliebt bezeichnen würde. Zu recht weist Agnoli daraufhin, daß es
 
nicht stimmt, "daß der Arbeiter per se ein Reformist ist", aber
 
ebensowenig "per se ein Revolutionär". [38] An
 
anderer Stelle klingt das aber wieder ganz anders, wenn er seine eigenen
 
Wünsche und die von relativ marginalen Teilen des Proletariats zum
 
allgemeinen Willen der Arbeiterklasse erklärt: "Das Proletariat will
 
aber Kommunismus als Emanzipation und nicht als Übermacht des Staates."
 
[39] Schön wär's.
 
Vor dem Hintergrund solcher "nicht vollends abgestreifte(r) Erbschaften
 
des traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus" [40] stellt sich die Frage nach
 
der Aktualität von
 
Agnolis Kritik und insbesondere von seiner "Transformation der
 
Demokratie". Agnoli hat zu dieser Aktualität mehrfach selbst Stellung
 
bezogen. Zum einen hat er darauf verwiesen, daß seine Kritik als
 
Fundamentalkritik zu verstehen sei und insofern ihre anhaltende
 
Gültigkeit auch an der grundlegenden Struktur von Gesellschaft und Staat
 
gemessen werden müßte. Die Produktionsweise, die gesellschaftliche
 
Struktur und die politische Form seien auch 20 Jahre nach dem Erscheinen
 
der "Transformation der Demokratie" in den westlichen Staaten in ihren
 
Grundzügen gleich geblieben. Daher habe auch die Kritik nichts an ihrer
 
Berechtigung und Richtigkeit verloren. Zum anderen verweist Agnoli zu
 
recht auf politische Entwicklungen, wie beispielsweise die in den 80er
 
Jahren sich vollziehende Integration der Grünen, die "allen Vorwürfen
 
und Ungültigkeitserklärungen zum Trotz die Involutionstheorie
 
(verifizieren)." [41] Diese Einschätzungen sind
 
mittlerweile selber 14 Jahre alt. Prinzipiell lassen sie sich heute
 
wiederholen. Die Produktionsweise, die gesellschaftliche Struktur und
 
die politische Form, die Agnoli als die "drei Grundelemente"
 
bezeichnete, "die die Gründe für die kritische Analyse der
 
Transformation der Demokratie" [42] waren,
 
existieren grundsätzlich betrachtet in fast gleicher Form fort. Neben
 
solch allgemeinen Feststellungen ist jedoch nochmals hervorzuheben, daß
 
die Mehrzahl von Agnolis Texten aus den 60er und 70er Jahren stammen.
 
Das merkt man beispielsweise, wenn er in seiner Kommemorativabhandlung
 
aus dem Jahr 1986 den Integrations- und Anpassungsprozeß der Grünen zwar
 
bereits konstatiert, aber zugleich noch Hoffnungen hegt, daß maßgebliche
 
Teile dieser damals noch neuen Partei weiterhin das Projekt einer
 
Fundamentalopposition verfolgen würden - eine Vorstellung, die heute,
 
zehn Jahre nach dem endgültigen Anschluß der Grünen an das deutsche
 
Vaterland, auch Agnoli absurd vorkommen wird. [43]
 
Die Aktualität von Agnolis Ausführungen zu den Folgen der
 
Institutionalisierung von Protest und Widerstand, von der
 
Verparteilichung und Parlamentarisierung von Subversion, läßt sich heute
 
exemplarisch nicht mehr an den Grünen, sondern an der PDS demonstrieren.
 
Ihrem Wesen nach ist sie zwar eine ostdeutsche Protestpartei mit
 
sozialdemokratisch-nationaler Ausrichtung, dennoch ist sie trotz aller
 
bereits erfolgter Anpassungsleistungen noch nicht vollständig, das heißt
 
samt ihrer kompletten Anhänger- und Wählerschaft in das parlamentarische
 
System integriert. Die Politik der Parteiführung wie auch die
 
Orientierung der überwiegenden Teile der Anhängerschaft zeigen aber, daß
 
die PDS auf dem besten Weg ist, ein Paradebeispiel für die von Agnoli
 
aufgezeigte Wirkungsweise der Integrationsmechanismen von demokratischen
 
Institutionen zu werden. In diesen Bereichen liegt die Aktualität der
 
Agnolischen Kritik klar auf der Hand.
 
Für einige der aktuellen Diskussionen in der Linken geben Agnolis Texte
 
jedoch recht wenig her. Die Auseinandersetzungen über Nation und
 
Nationalismus, über strukturellen Antisemitismus und verkürzte
 
Kapitalismuskritik, wie sie spätestens seit Anfang der 90er Jahre vor
 
allem in der Linken in den deutschsprachigen Ländern geführt werden,
 
konnten aus Agnolis Texten kaum Impulse erhalten. Das liegt in erster
 
Linie daran, daß jene grundlegende Gemütslage nationalstaatlicher
 
Warenmonaden, die sich darin äußert, daß man sich permanent betrogen und
 
übervorteilt fühlt, einen diffusen Haß gegen "die da oben" hegt und
 
eventuell auch noch von geheimen Mächten im Hintergrund phantasiert, die
 
am eigenen Elend Schuld sein sollen, bei Agnoli nicht Gegenstand der
 
Kritik ist, sondern ganz im Gegenteil immer wieder als Beleg für die
 
grundsätzliche Widerständigkeit der abhängigen Massen herhalten muß. Die
 
zum Teil rassistischen, vor allem aber antisemitischen Implikationen
 
jenes antikapitalistischen Ressentiments, das einzelne Kapitalisten und
 
Politiker kritisiert, aber nicht das Kapital oder den Staat als solchen,
 
bekommt Agnoli nur selten in den Blick. Selbst noch der rigide
 
Antiintellektualismus deutscher Werktätiger, der fast nie ohne eine
 
latente antisemitische Einfärbung auskommt, schien ihm bisweilen eine
 
Bestätigung für die ursprüngliche Aversion der Arbeiterinnen und
 
Arbeiter gegen Herrschaft jeglicher Art zu sein. [44]
 
 
*Warenfetisch und Staatsfetisch
 
*
 
Keine materialistische Staats- und Politikkritik existiert ohne Bezug
 
auf die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, und auch Agnoli hat
 
sein Programm einer Kritik der Politik immer wieder explizit als
 
"Fortsetzung der Kritik der politischen Ökonomie" [45] bezeichnet. Hätte er zu
 
den erwähnten aktuellen
 
Debatten mehr beitragen wollen, hätte er sich vermutlich nicht vorrangig
 
auf die auch im traditionellen Marxismus stets favorisierte Mehrwert-
 
und Klassentheorie stützen dürfen, sondern auch stärker auf die Analyse
 
der Wertformen und den aus ihnen resultierenden Fetischismus beziehen
 
müssen. Bei Agnoli finden sich keine Stellen, an denen explizit vom
 
Verhältnis von Waren- und Staatsfetisch die Rede ist. Seine Texte sind
 
aber für die Linke dennoch enorm wichtig gewesen - und sind es, schon
 
allein weil sich große Teile der Linken gerade in ihren schlechten
 
Traditionen treu geblieben sind, über weite Strecken bis heute. Mit
 
seinen Einwänden gegen Staat und Politik hat Agnoli der Linken ein Erbe
 
hinterlassen, an das es sich lohnt, anzuknüpfen. Bei aller Kritik -
 
einige von Agnolis Texten sind bis heute alleine auf Grund einzelner
 
Formulierungen, die in ihrer Treffsicherheit kaum zu überbieten sind,
 
aktuell geblieben. Man denke beispielsweise nur an seine zu recht viel
 
zitierte Kennzeichnung der so hoch gelobten Parteienvielfalt in der BRD
 
als "plurale Fassung einer Einheitspartei". [46]
 
Agnoli war und ist einer der wenigen radikalen Staats- und
 
Demokratiekritiker des postfaschistischen Deutschland, dessen
 
theoretische Einlassungen allzu personalisierender Politik- und
 
Staatskritik von vornherein eine klare Absage erteilen. Als Wert- und
 
Fetischkritiker gibt er dennoch nicht viel her. Nach Auskunft ehemaliger
 
Studierender hat Agnoli in seinen Vorlesungen bisweilen einige Worte zur
 
Werttheorie und den in ihr analysierten und kritisierten Mystifikationen
 
und Verkehrungen in der kapitalistischen Warenproduktion verloren, aber
 
in den bisher veröffentlichten Schriften finden sich keine expliziten
 
Anknüpfungen an die Marxschen Ausführungen zum Waren-, Geld- und
 
Kapitalfetisch, und auch implizite Bezugnahmen lassen sich nur
 
vereinzelt ausmachen. Agnoli dürfte aber bei einigen seiner Zuhörer ein
 
Interesse für eben jenen Zusammenhang von Waren- und Staatsfetisch
 
geweckt haben. Einer der deutlichsten Hinweise auf den Zusammenhang von
 
Warenfetischismus und staatlicher Gewalt aus der letzten Zeit findet
 
sich bei einem seiner ehemaligen Studenten. [47]
 
Das weitgehende Desinteresse an der Marxschen Fetischkritik und ihren
 
Implikationen hat der häretische Marxismus eines Agnoli aber keineswegs
 
für sich gepachtet. Es war (und ist) in erster Linie das Markenzeichen
 
der lange Zeit dominierenden Richtungen des Marxismus. Gerade im
 
Marxismus-Leninismus hat man sich für die Marxsche Fetischkritik nicht
 
sonderlich interessiert. Kaum jemand kam auf die Idee, ausgehend von der
 
Marxschen Analyse des Waren-, Geld- und Kapitalfetischs die Kategorie
 
des Staatsfetischs näher zu untersuchen oder überhaupt erst zu
 
entwickeln. Nur wenige Theoretiker haben beiläufig einige Bemerkungen
 
zum Zusammenhang von Waren- und Staatsfetisch geäußert. Gramsci sah die
 
fetischistische Denkweise bei der Betrachtung vom "Staat, der Nation,
 
den politischen Parteien" [48] am Werke, stellte
 
jedoch keinen direkten Bezug zur Marxschen Fetischkritik her. Trotzki
 
sprach vom Staat als dem "fürchterlichsten aller Fetische", [49] den die
 
Klassengesellschaft zu ihrem Schutz
 
eingesetzt habe. Religiöser, ökonomischer und politischer Fetischismus
 
werden von ihm als Einheit begriffen. Sie könnten daher auch nur als
 
Einheit aufgehoben werden.
 
Der Versuch einer Ergänzung des Marxschen Fetischkonzepts findet sich
 
bei Eugen Paschukanis, der von einer Erweiterung des Warenfetischismus
 
durch den "Rechtsfetischismus" [50] spricht. Sehr
 
deutlich weist auch Lukács auf den Zusammenhang von Waren- und
 
Staatsfetisch hin. Er versucht, die Fetischkritik auf den Staat
 
anzuwenden, Verdinglichung in staatlichen Strukturen aufzuzeigen und die
 
verdinglichende Wirkung von Rechtssystemen hervorzuheben. Staat, Recht
 
und Verwaltung werden bei ihm implizit als Fetische vorgestellt, die
 
zwar von Menschenhand geschaffen wurden, aber als übermächtig und
 
naturgegeben erscheinen. Die Arbeitsteilung, die die Verdinglichung
 
befördert, sei in der Bürokratie, die Lukács in Anlehnung an Max Weber
 
analysiert, zum Teil noch frappanter als in der industriellen
 
Produktion. Wie in der Produktion vom konkreten Gebrauchswert der Waren
 
weitgehend abstrahiert wird, so kommt es in der staatlichen Verwaltung
 
zu einer sich "immer steigernde(n) Abtrennung vom qualitativ-materiellen
 
Wesen der 'Dinge'", an deren Stelle eine "formell-rationalistisch(e)
 
(...) Behandlung aller Fragen" [51] tritt. Durch
 
die staatliche Verwaltung kommt es daher zu einer "Steigerung der
 
verdinglichten Bewußtseinsstruktur als Grundkategorie für die ganze
 
Gesellschaft." [52]
 
Während der materielle Fetischismus von Warenproduktion und -zirkulation
 
seinen Ausdruck in den verdinglichten, die Totalität als Kategorie
 
zunehmend ausblendenden Begriffen der Ökonomie findet, entsprechen dem
 
scheinbar naturhaften und geschichtslosen Dasein des Staates die
 
festgefügten Kategorien der Rechtswissenschaften. Der Fetischismus in
 
den Rechtswissenschaften ist nach Lukács sogar noch verfestigter als in
 
der Ökonomie, da es sich bei ersterer um eine bewußtere "Verdinglichung
 
ihrer Einstellung" [53] handelt. Aber auch wenn
 
Lukács Verdinglichung in der Ökonomie und in der staatlichen Struktur
 
einzeln anführt, wendet er sich doch vehement gegen eine einfache
 
Trennung oder eine Entgegensetzung von Staat und Ökonomie.
 
 
 
 
Vielmehr bilden sie bei ihm konstitutive Elemente der verdinglichten
 
Totalität. Die Trennung von Ökonomie und im Staat materialisierter
 
Gewalt ist selbst Ausdruck des Fetischismus in den ökonomischen
 
Beziehungen und der ebenfalls fetischistischen juristischen Form der
 
organisierten Gewalt, die "ihr latentes, ihr potentielles Vorhandensein
 
in und hinter jeder ökonomischen Beziehung vergessen macht". [54] Die Trennung
 
des gesellschaftlichen Lebens in die
 
scheinbar autonomen Bereiche Wirtschaft und Politik ist eine
 
Unterscheidung, die selbst schon auf der Verdinglichung beruht.
 
In den 70er Jahren sind zwar einige der bis heute wichtigsten Texte zur
 
materialistischen Staatskritik erschienen, aber nur in wenigen Arbeiten
 
wurde versucht, den Waren-, Geld- oder Kapitalfetisch explizit mit Staat
 
und Politik in Beziehung zu setzen. Während sich Autoren wie der
 
Althusserianer Poulantzas prinzipiell dagegen verwehrten, die Kritik des
 
Fetischismus zum Ausgangspunkt einer Analyse des Staates zu machen, [55]
 
versuchten Autoren und Autorinnen wie
 
beispielsweise Müller, Neusüß, Huisken und Flatow die aus den
 
Eigentümlichkeiten der Warenform entspringenden Mystifikationen und die
 
Mystifizierung des Staates zusammenzudenken. [56]
 
Auch Autoren wie Blanke haben darauf hingewiesen, daß man "entsprechend
 
dem Geldfetisch (...) von einem Staatsfetisch sprechen (könnte)." [57]
 
In heutigen Diskussionen wird das Verhältnis von Waren- und
 
Staatsfetisch kaum mehr thematisiert. Nur wenige Autoren interessieren
 
sich überhaupt noch für materialistische Ökonomiekritik, wenn sie über
 
den Staat schreiben. Für Joachim Hirsch beispielsweise existieren zwei
 
grundlegende soziale Formen, in denen Vergegenständlichung im
 
Kapitalismus zum Ausdruck kommt: der Wert und die politische Form Staat.
 
[58] Der Staatsfetisch wird bei ihm unmittelbar
 
aus dem Warenfetisch entwickelt. [59] John
 
Holloway betrachtet den Staat ebenfalls als fetischisierte Form
 
gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Untersuchung des Staatsfetischs wie
 
die Untersuchung verdinglichter sozialer Verhältnisse überhaupt erklärt
 
er zur Voraussetzung für das Verständnis der internationalen
 
Staatenkonkurrenz. [60] Negri und Hardt verweisen
 
darauf, daß es in der Phase der realen Subsumtion der Arbeit unter das
 
Kapital und der realen Subsumtion der Gesellschaft unter den Staat zu
 
zunehmenden Mystifikationen und Fetischisierungen des Kapitals kommt.
 
[61]
 
Was heute ansteht, und zum Teil - wenn auch in sehr unterschiedlicher,
 
sich mitunter widersprechender Weise - von Gruppen wie der "Bahamas",
 
der "Krisis" dem "Kritischen Kreis" oder der ISF begonnen wurde, ist
 
eine Radikalisierung von Agnolis Kritik der Politik vor dem Hintergrund
 
der Neurezeption der Marxschen Fetischkritik. Die Kritik an der
 
begeisterten Bezugnahme auf jede auch nur irgendwie widerständige Regung
 
der wert- und staatsfetischistischen bürgerlichen Subjekte und an der
 
diesen Regungen im Postnationalsozialismus fast zwangsläufig
 
innewohnenden Affirmation der Volksgemeinschaft muß dabei in Zukunft ins
 
Zentrum gerückt werden
 
 
*Zur Kritik der kritischen Politik
 
*
 
Gegen eine Kritik der Politik in Anknüpfung und Fortführung Agnolis
 
könnte eingewendet werden, sie bezöge sich in erster Linie auf Politik,
 
wie sie im Verständnis des Mainstreams innerhalb der Politikwissenschaft
 
propagiert wird. Man könnte meinen, angesichts normativer und vor allem
 
emanzipatorischer Politikbegriffe, wie sie in der kritischen
 
Politikwissenschaft formuliert worden sind, müßte die Kritik der Politik
 
relativiert werden. Die Kritik des Staates und die Skepsis der Politik
 
gegenüber, als taugliches Mittel zur allgemeinen Emanzipation zu dienen,
 
richtet sich allerdings ganz bewußt nicht nur gegen Politik im Sinne der
 
apologetischen und affirmativen Politikwissenschaft konservativen Typs,
 
sondern ebenso gegen die kritische oder auch sozialistische
 
Politikwissenschaft, die sich immer noch abmüht, die angeblichen
 
Diskrepanzen zwischen Verfassungstext und gesellschaftlicher Realität,
 
zwischen Demokratieversprechen und realer Verfaßtheit der demokratischen
 
Gesellschaft aufzuspüren und aufzuzeigen, um dann die Verwirklichung der
 
"gerechten" Verfassung und der "wahren" Demokratie einzufordern. [62]
 
Emanzipation wird auch in den neueren Texten der klassischen Vertreter
 
der kritischen Politikwissenschaft in Herrschaftskategorien gedacht.
 
Narr und Schubert glauben an eine emanzipatorische Politik und sorgen
 
sich dementsprechend um die "Rettung des Politischen." [63] Sie stellen zwei
 
Auffassungen von Politik
 
gegenüber. Zum einen sehen sie, was Politik heute real ist: "die
 
Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln." [64]
 
Zum anderen formulieren sie ihr eigenes Politikverständnis und
 
schreiben, daß es für sie nur dann sinnvoll ist, von Politik zu
 
sprechen, wenn ein Handlungsspielraum für politische Entscheidungen
 
vorhanden ist, dieser ausgedehnt wird, und mehrere Personen an diesen
 
Entscheidungen beteiligt sind. Vor diesem Hintergrund wäre emanzipative
 
Politik bereits durch eine umfassende Politisierung - mit Narr und
 
Schubert verstanden als Ausweitung der Entscheidungsmöglichkeiten und
 
Verbreiterung der Partizipation - gegeben. [65] Im
 
Sinne des Politikbegriffs von Narr und Schubert sorgt die Politik, wie
 
sie real ist, dafür, daß Politik in ihrem Sinne, das heißt, Politik,
 
wie sie sie sich wünschen würden, minimiert wird. [66] Wie begrenzt der
 
emanzipatorische Gehalt ihres
 
normativ-idealistischen Politikbegriffs, bei dem formale Kriterien als
 
zuverlässige Gradmesser des emanzipativen Potentials ausgegeben werden,
 
letztendlich ist, wird deutlich, wenn sie versuchen, einen radikaleren
 
Politiktheoretiker zu interpretieren. Robert Kurz sieht als einzige
 
progressive Möglichkeit zur Überwindung der konstatierten allgemeinen
 
Krise die Etablierung einer bewußten "Aufhebungsbewegung" und meint
 
damit eine wertkritische Bewegung, die die Wertverwertung und den Staat,
 
das Recht und die Politik aufhebt, daß heißt, zum Kommunismus hin
 
revolutioniert und zerstört. Narr und Schubert hingegen haben eine
 
andere Interpretation der Kurzschen Intentionen parat. Eine
 
"Aufhebungsbewegung" im Kurzschen Sinne wäre ihres Erachtens nach "die
 
Verfassungsreform" [67] - ein Mißverständnis, bei
 
dem Emanzipation zur Reform bürgerlicher Ordnungsformen verkommt.
 
Anderes und doch ähnliches findet sich bei Joachim Hirsch. Hirsch
 
erkennt, daß staatliche Macht kein taugliches Mittel für grundlegende
 
emanzipative Veränderungen sein kann und erteilt "revolutionäre(r)
 
Politik im traditionellen Verständnis" eine klare Absage, "weil Menschen
 
nicht mittels Herrschaft und Zwang befreit werden können." [68] In die Politik
 
wären demnach auch nach Hirschs
 
Verständnis schon immer Herrschaft und Zwang eingeschrieben. Zu Recht
 
kritisiert Hirsch die Hoffnungen auf eine neue Zivilgesellschaftlichkeit
 
und erkennt in ihr gewandelte Formen von Herrschaft. Seine Arbeiten
 
zeichnen sich vor allem durch die scharfe Kritik an den
 
Zivilgesellschaftskonzepten in den neueren demokratiepolitischen
 
Debatten und durch die damit einhergehende Ablehnung der unkritischen
 
Bezugnahme auf NGOs als emanzipatives Potential aus. Immer wieder aber
 
rekurriert Hirsch selbst auf einen neuen, idealen Begriff von
 
Zivilgesellschaft und hält sich an dem Glauben fest, die Ökonomie sei
 
letztlich doch durch die Politik domestizierbar. Dabei wird außer acht
 
gelassen, daß Ökonomie und Politik die beiden zusammengehörenden
 
konstitutiven Elemente der kapitalistischen Gesellschaftsformation sind.
 
Sie sind Momente der schlechten gesellschaftlichen Totalität. Die
 
Politik zügelt nicht die Ökonomie zum Wohle der Menschen, sondern zum
 
Zwecke der Aufrechterhaltung der fetischistischen Verwertung des Werts.
 
Trotz seiner kritischen Distanz glaubt Hirsch, in NGOs und weltweit
 
vernetzten Basisorganisationen Träger des von ihm eingeforderten
 
"radikalen Reformismus" [69] ausmachen zu können.
 
Daß die ohnehin nur spärlichen emanzipativen Ansätze dieser
 
Organisationen angesichts der Krisenerscheinungen staatlicher Macht und
 
Organisationsfähigkeit immer wieder durch ihre Rolle als alternative
 
Krisenverwalter, durch die sie einen "parastaatlichen Charakter" [70]
 
erhalten, konterkariert werden, findet bei Hirsch
 
keine Beachtung. Auch wenn er immer darum bemüht ist, daß sein Konzept
 
eines "radikalen Reformismus" nicht als Absage an die soziale Revolution
 
mißverstanden werden kann, ist auch in den jüngeren Publikationen etwas
 
nebulös von "alternative(n) Netzwerke(n)", [71]
 
wahrer Demokratie statt der bestehenden und wirklicher Zivilgesellschaft
 
im Gegensatz zur bekannten die Rede. Seine an Poulantzas orientierte
 
Vorstellung von einer Politik, "die sich in und mit dem Staat zugleich
 
gegen ihn (...) richtet" [72] gefällt jemanden wie
 
Agnoli, von dem Hirsch ja einiges hält, vermutlich nicht besonders.
 
Permanent scheint es so, als würde Hirsch seine oft genug mit Nachdruck
 
vorgebrachte prinzipielle Ablehnung des Staates als Mittel zur
 
Emanzipation zumindest relativieren.
 
Bei Altvater und Mahnkopf ist von der bei Hirsch noch deutlichen
 
Intention, der radikale Reformismus möge letztlich doch zur
 
Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse führen, kaum mehr
 
etwas zu vernehmen. Schwang Altvater sich schon nach der deutschen
 
Wiedervereinigung zum beratenden Krisenmanager auf, indem er für die
 
Sanierung der ostdeutschen Wirtschaft "viel Markt und viele
 
Subventionen" [73] empfahl, so macht er sich heute
 
gemeinsam mit Birgit Mahnkopf Gedanken über marktkonforme
 
Eingriffsmöglichkeiten zur Zügelung der globalisierten Weltökonomie. Die
 
beiden wollen Finanzmärkte nicht mehr abschaffen, sondern
 
"entschleunigen", da sie sich um die Stabilität der "realen Ökonomie"
 
[74] sorgen. Energie soll nicht mehr ihrer
 
Warenförmigkeit entkleidet, sondern besteuert werden, damit "das Trauma
 
der Globalisierung gemindert wird." [75] Die
 
Träger ihres reformistischen Notprogramms entdecken auch sie in der
 
"globalen 'civil society'" und in "den internationalen Netzwerken der
 
Nicht-Regierungsorganisationen". [76]
 
Angesichts dieses Zustands der kritischen oder auch sozialistischen
 
Politikwissenschaft, in der selbst die ohnehin auch zu kritisierende
 
Position, Politik betreiben zu wollen, um sie abzuschaffen, kaum noch
 
Platz hat, gilt es, im Anschluß an Agnoli an einer radikalen Kritik der
 
Politik festzuhalten. In dieser Kritik wird Politik einerseits als
 
bewußte Herrschaft und andererseits als objektiver, den Trägern und
 
Trägerinnen von Politik unbewußter historischer und gegenwärtiger
 
Durchsetzungsmodus der Wertverwertung begriffen. Auch die scheinbar
 
emanzipative Politik der traditionellen Arbeiter- und
 
Arbeiterinnenbewegung und der Neuen sozialen Bewegungen muß in diesem
 
Verständnis im wesentlichen als Beitrag zur Durchsetzung der
 
warenproduzierenden Moderne eingeschätzt werden. Alleine die Tatsache,
 
daß alle anfänglich emanzipatorischen Bewegungen, die klassische oder
 
auch alternative Politik betrieben haben, letztlich immer beim Staat
 
gelandet sind und in der Regel nicht einmal dazu fähig waren (und es
 
heute schon gar nicht mehr sind), über den Staat auch nur hinaus zu
 
denken, rechtfertigt es, Politik, auch wenn sie sich antistaatlich gibt,
 
als staatsfixiert zu begreifen. Die Kritik der Politik setzt daher
 
weiterhin nicht auf die Wiederbelebung des Politischen oder auf die
 
Rettung der Politik, sondern auf ihre Abschaffung.
 
Last Updated ( Sunday, 21 January 2007 )
 
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