Als Johannes Agnoli aufhörte an der Freien Universität in Berlin zu
lehren, begann ich dort zu studieren. Einen Eindruck davon, was ich
dadurch versäumt habe, bekam ich spätestens bei der Lektüre der
"Subversiven Theorie", eines Mitschnitts von Agnolis vorletzter
Vorlesung an der Freien Universität Berlin, die mittlerweile als dritter
Band seiner Gesammelten Schriften vorliegt. Liest man diese
Ausführungen, wird einem klar, daß in den Hörsälen der Lehranstalten
nicht zwangsläufig jene akademische Langeweile herrschen muß, die
heutzutage fast alle Studenten und Studentinnen erleiden müssen. Und man
kann nur hoffen, daß sich noch mehr ehemalige Studierende finden, die im
Besitzvon halbwegs vollständigen Mitschriften oder Mitschnitten von
anderen Agnoli-Vorlesungen sind, damit auch diese veröffentlicht werden
können.
Agnoli versucht in der "Subversiven Theorie" von den antiken und
christlichen Mythen über das Mittelalter bis zur Neuzeit die Geschichte
der theoretisch-intellektuellen und der praktischen Subversion
nachzuzeichnen. Er liefert Beispiele für einen möglichen anderen Umgang
mit politischer Philosophie- und Ideengeschichte und zeigt, wie
widerständige, subversive oder auch einfach nur unbequeme Denker und vor
allem Denkerinnen im Mainstream der Wissenschaften mißachtet,
fehlinterpretiert oder auch pathologisiert wurden und werden. Den
Begriff der Subversion definiert er als Form menschlicher Emanzipation
in finsteren, also in repressiven und konterrevolutionären Zeiten. Die
Subversion ist nicht die Revolution selbst, sondern ihre Vorbereitung.
Subversion ist nicht Negation der Negation, was nach Agnoli Versöhnung
implizieren würde, sondern "Negation sans phrase, Negation als
destructio, als eigenwillige Vernunft." [
1] Sie ist
eine sowohl theoretische als auch praktische Tätigkeit, die die Ordnung
angreift, ohne jedoch wie die Vertreter und Vertreterinnen der
konformistischen Revolte eine "noch ordentlichere Ordnung" [
2] einzufordern.
Agnolis Vorlesung wird hier aber nicht in erster Linie wegen der in ihr
angestellten Überlegungen zur Subversion in der politischen
Ideengeschichte erwähnt, sondern vor allem deswegen, weil sich bei
Agnolis Streifzug durch die Philosophiegeschichte immer wieder die
Grundzüge seiner Kritik der Politik, wie er sie über Jahre in seinen
bekannteren Texten entwickelt hat, erkennen lassen. Wenn es zum Wesen
der Subversion gehört, daß der Mensch sich dagegen wendet, immer nur
Gegenstand, reines Objekt zu sein, so müßte sich die Subversion auch
gegen die Politik richten, denn in ihr ist der Mensch "nie Mittelpunkt
der Politik (wie die Parteien sagen), sondern er ist ein Mittel der
Politik - etwa im Wahlakt als bloßes Mittel der Machtverteilung der
Parteien untereinander." [
3] Gegen die
Institutionalisierung der Subversion setzt Agnoli seine prinzipielle
Parlamentarismuskritik. Am Beispiel der "Anti-Institution" des römischen
Volkstribunats legt er dar, daß Macht nicht dann wirksam kontrolliert
und schon gar nicht sabotiert werden kann, wenn sich die Subversion auf
die Institutionen der Macht einläßt, sondern nur dann, "wenn die
Vernunft auf der Straße in Permanenz tagt." [
4] Als
Konsequenz aus dieser Kritik der Politik geht es Agnoli auch
perspektivisch gesehen nicht, wie wir es heute aus den Debatten über die
Globalisierung zur Genüge kennen, um eine Rettung der Politikoder um
eine Verteidigung der politischen Sphäre gegen die ökonomische, sondern
schlicht um die Abschaffung der Politik. Gegen die Gleichsetzung von
Politik und Öffentlichkeit im bürgerlichen Bewußtsein hält er an der
Marxschen Kommunismusvorstellung fest: "eine Öffentlichkeit ohne
politischen Charakter, das heißt eine Öffentlichkeit ohne
Herrschaftsstrukturen." [
5]
*Agnolis Demokratie- und Staatskritik
*
Politik als Instrument der Herrschaft zu begreifen hat in der Linken
eine lange Tradition. Die politischen Machtmittel, allen voran das
Gewaltmonopol des Staates, wurden als Unterdrückungsinstrument der
herrschenden Klasse interpretiert. Die Aufrechterhaltung der
politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Macht des Bürgertums
wurde zwar als Wesen der bürgerlichen Politik angesehen, aber nicht als
das Wesen von Politik überhaupt. In der Regel wurde davon ausgegangen,
Politik sei etwas Neutrales, erst mit Inhalten zu Füllendes, das von den
Herrschenden nur für ihre Zwecke instrumentalisiert wird. Die
traditionelle Linke leistete nur eine Kritik der bürgerlichen Politik,
nicht der Politik überhaupt. Agnoli stellte diesbezüglich eine der
wenigen Ausnahmen dar. Er hat sich schon früh einer allgemeinen Kritik
der Politik - eine Begrifflichkeit, die sich schon beim jungen Marx
findet, [
6] aber im Marxismus keine große Beachtung
gefunden hat - zugewendet. Seine "Transformation der Demokratie" gilt
als einer der einflußreichsten Texte der Außerparlamentarischen
Opposition in der BRD und auch in Österreich. Damals wurde Agnoli nicht
nur in der linken Bewegung und im links-akademischen Bereich zur
Kenntnis genommen, sondern ebenso in etablierten und staatstragenden
Publikationen rezipiert. Heute hingegen werden seine Überlegungen in der
etablierten wissenschaftlichen Literatur kaum mehr zur Kenntnis
genommen. Nimmt man sich ihrer doch noch einmal an, so werden sie
bestenfalls als "Produkte ihrer Zeit" und schlimmstenfalls als
"linksfaschistisch" abqualifiziert. [
7] Daß auch
die Mehrzahl der ehemaligen 68er von Agnoli nichts mehr hören wollen,
ist dabei nur allzu verständlich. Hätten sie seine Demokratie-, Staats-
und Institutionenkritik ernst genommen, hätten sie weder den von ihnen
so geliebten Marsch durch die Institutionen antreten noch sich
massenhaft und voller Enthusiasmus am Projekt der grünen Parteien
beteiligen können.
Im Anschluß an Agnoli und in Abgrenzung zu den Vorwürfen, die ihm im
Rahmen der staatsfetischistischen Politikwissenschaft gemacht wurden,
geht es auch heute noch darum, die strukturellen Grenzen der Politik
aufzuzeigen und so den unterschiedlichen Spielarten des Reformismus
ihren Idealismus vor Augen zu führen. Gleichzeitig muß aber auch eine
Kritik an Agnoli geleistet werden, da einige seiner zentralen
Begrifflichkeiten gerade vor dem Hintergrund der in der Marxschen Kritik
der politischen Ökonomie entwickelten Wert- und Fetischkritik, die in
den letzten Jahren in der Linken etwas mehr von jener Beachtung erfahren
hat, die sie schon immer verdient hätte, fragwürdig erscheinen. Bei der
folgenden Darstellung einiger Grundzüge von Agnolis Staats- und
Politikkritik wird seine mitunter zu hinterfragende Diktion -
beispielsweise sein fast durchgängig unvoreingenommen positiver Bezug
auf die "Beherrschten" - zunächst jedoch weitgehend übernommen.
Das Parlament ist für Agnoli eine spezielle Form der Repräsentation von
Herrschaft, die mittels des Wahlaktes die Illusion der Selbstbestimmung
der Beherrschten aufrechterhält. Zur Wahrnehmung dieser Funktion bedarf
es der Präsenz der tatsächlichen gesellschaftlichen Macht im Parlament,
nicht aber unbedingt der tatsächlichen Macht des Parlaments. Das
Parlament spielt bei der Transformation von Herrschaftskonflikten in
Führungskonflikte eine entscheidende Rolle. Der Herrschaftskonflikt
findet zwischen zwei antagonistischen Gruppen statt, die sich
ausschließende Ziele verfolgen. Agnoli hat hierbei in erster Linie den
Konflikt zwischen Arbeit und Kapital im Auge, der für ihn - in diesem
Punkt eher einem traditionalistischen Marx-Verständnis folgend - in
seiner ursprünglichen Konstitution einen über das System hinausweisenden
Widerspruch darstellt. Ein Führungskonflikt hingegen wird systemimmanent
ausgetragen. Es handelt sich um die Konkurrenz verschiedener
Führungseliten. Ein wesentliches Element der Transformation der
Demokratie in einen autoritären Staat rechtsstaatlichen Typs ist also
die Transformation des aus dem Widerspruch von Arbeit und Kapital
entstehenden Herrschaftskonflikts in einen Führungskonflikt, bei dem es
inhaltlich nur mehr um die Konkurrenz um die beste Betreuung des
Widerspruchs von Kapital und Arbeit geht.
Den Wahlakt analysiert Agnoli in unmittelbarer Anlehnung an die
Kategorien aus der Werttheorie. Die Wähler und Wählerinnen sehen sich
selbst als bewußte Verbraucher und Verbraucherinnen von auf dem Markt
angebotenen politischen Gütern, "die von den Konsumenten selbst als
Gebrauchswerte verstanden werden, während in Wirklichkeit diese Güter
durchaus reale Tauschwerte darstellen. Sie werden auf dem Machtmarkt als
Tauschwerte realisiert, um die in den Wahlkampf investierte politische
Machtposition profitabel zu machen." [
8] Die Wahl
des Parlaments ist zentrales Moment der Legitimation von Herrschaft. Mit
der Vollziehung des Wahlaktes akzeptieren die Wählerinnen und Wähler die
Herrschaft über sich, weil sie der Illusion nachhängen, sie
gegebenenfalls auf selben Wege abschaffen zu können.
Agnoli grenzt sich bei seiner Staatskritik sowohl von Vorstellungen ab,
die den Staat im modernen Kapitalismus als allumfassenden Organisator
sehen, der selber die Kapitalfunktionen unmittelbar wahrnimmt, als auch
von Theorien, die dem Staat keinerlei autonomes Handeln zugestehen. Er
bricht mit dem dogmatisch gesetzten und interpretierten
Basis-Überbau-Schema und verwehrt sich gegen eine Betrachtung des
Staates als reinem Überbau-Phänomen. Der Staat ist vielmehr "ganz fest
in der gesellschaftlichen Basis (...) verhaftet." [
9] Agnoli weist in diesem
Kontext auf den
Zusammenhang zwischen der theoretischen Einschätzung des Staates und der
politischen Orientierung hin. Die Betrachtung des Staates als reines
Überbauphänomen birgt, wie er am Beispiel der italienischen KP ausführt,
[
10] die Gefahr reformistischer Orientierung
bereits in sich.
Der Staat ist mehr als ein Erfüllungsgehilfe der Ökonomie. Agnoli hat
nachdrücklich darauf verwiesen, daß der Staat im Kapitalismus nicht
einfach der Staat der Kapitalisten ist, sondern der Staat des Kapitals,
wobei das Kapital als ein gesellschaftliches Verhältnis und nicht als
ein monolithischer Machtblock verstanden werden muß. Der Staat formiert
die bürgerliche Klasse zu einer Einheit, die durch den Zirkulations-
oder Produktionsprozeß nicht gegeben ist. Er setzt einerseits
spezifische Klasseninteressen des Kapitals durch und gleicht
widerstrebende Interessen zwischen einzelnen Kapitalfraktionen aus.
Andererseits berücksichtigt er aber auch allgemeine,
klassenübergreifende Interessen, faßt gesellschaftliche Widersprüche
zusammen und geriert sich als Garant des Allgemeinwohls, weshalb er "als
politisches System kein 'Agent' des Kapitals" [
11]
ist.
Entsprechend seiner prinzipiellen Kritik an der Form Staat, die den
"objektiven Zwangscharakter der Reproduktion" [
12]
garantiert, wendet sich Agnoli gegen die Vorstellung der Möglichkeit
einer Benutzung des Staates für sozialistische oder kommunistische
Inhalte. Im auch heute noch von vielen Parteimarxisten und
-marxistinnnen propagierten Konzept einer staatlich organisierten
Übergangsgesellschaft erkennt er das Problem, "daß (...) gerade der
Staat, der den Übergang besorgen soll, zugleich von Anfang an beginnt
abzusterben." [
13] Agnoli kritisiert also nicht
nur den bestehenden, als Demokratie organisierten Staat, sondern wendet
sich gegen alle auf die Form Staat fixierten Emanzipationsansätze.
Er unterscheidet grundsätzlich zwischen einer fundamentalen Opposition
und einer integrierten Opposition. Die integrierte Opposition, die das
bestehende System konstruktiv mitgestalten möchte, geht in fast allen
Fällen aus der fundamentalen Opposition hervor. Aber nicht nur die
integrierte, sondern auch die Fundamentalopposition neigt dazu, die in
der Gesellschaft vorgegebenen politischen Regeln zu akzeptieren. Es wird
gehofft, durch die Akzeptanz dieser Regeln die Möglichkeit zu erhalten,
die eigene radikale Kritik einer größeren Öffentlichkeit bekannt und
plausibel machen zu können. Nach Agnoli wird dabei übersehen, daß die
Kritik der politischen Regeln ursprünglich zum integralen Bestandteil
der inhaltlichen Kritik jeder emanzipativen Fundamentalopposition
gehörte. Mit der vermeintlich nur formalen Anpassung vollzieht sich
demnach immer auch sogleich eine inhaltliche.
Die materielle Grundlage der Politik ist der Erfolg des unter der Obhut
eines Staates produzierenden Kapitals. Die ökonomische Existenzbedingung
des Staates ist die Aufrechterhaltung der Mehrwertproduktion. Der Staat
hat die Grundlagen zur erfolgreichen Kapitalakkumulation zu garantieren
und möglichst zu verbessern. Durch die Besteuerung des produzierten
Mehrwerts und der Löhne eignet sich der Staat seine materielle Grundlage
an und erhält so die Möglichkeit zur Politik. Das strukturelle Problem
für emanzipative Politik besteht darin, daß der Staat, sobald seine
politischen Maßnahmen eine Quantität und Qualität annehmen, daß sie
tatsächlich als Beitrag zu einer Emanzipation verstanden werden könnten
und nicht mehr nur eine andere Verteilung des Elends bedeuten, sich
tendenziell selbst seine materielle Basis entzieht. Durch emanzipative
Politik werden die Möglichkeiten zur Kapitalakkumulation eingeschränkt.
Die Masse des Mehrwerts sinkt und konservative Politikerinnen und
Politiker sowie Wirtschaftsführer und -führerinnen behalten unabhängig
von allem ideologischen und strategischen Brimborium recht, wenn sie
meinen, wo nichts ist, kann auch nichts verteilt werden. Greift der
Staat derart in die Produktion ein, daß die Mehrwertproduktion
verringert wird, kratzt er bereits an seiner Fähigkeit zu weiteren
Interventionen, da er beginnt, sich selbst seine Lebensgrundlage
streitig zu machen. [
14]
*Das Unverständnis der Politikwissenschaft für Politikkritik
*
Agnoli ist aus naheliegenden Gründen stets auf Unverständnis und Kritik
seitens der etablierteren Politikwissenschaft gestoßen. Johano Strasser,
selbst längere Zeit in der Außerparlamentarischen Opposition aktiv,
teilte zwar Agnolis Einschätzung, daß Wahlen in der bürgerlichen
Demokratie die Funktion haben, "bestehende Herrschaft legitimatorisch
abzusichern" [
15] und systemstabilisierend zu
wirken, kann sich aber mit den Implikationen einer derartigen
Einschätzung nicht wirklich anfreunden und spricht deshalb vom
widersprüchlichen Charakter des Wahlaktes. Abermals muß das, was alle
sich angewöhnt haben, Dialektik zu nennen, zur Legitimation einer
reformistischen Strategie herhalten. Im Gegensatz zu Agnoli
schwadroniert Strasser über die angeblich auch in den 70er Jahren
weiterhin existente widersprüchliche Natur des Prinzips der allgemeinen,
freien und geheimen Wahlen. Sie seien neben ihrer
herrschaftslegitimatorischen Funktion zugleich die sinnvollste
Möglichkeit, einen "dem kapitalistischen Interesse antagonistisch
entgegenstehenden Mehrheitswillen" [
16] zu
artikulieren. Dabei gerät völlig außer acht, daß die massenhafte
antikapitalistische Mobilisierung so lange kontrollierbar bleibt, wie
sie sich in dem vorgegebenen Rahmen und in den angebotenen Institutionen
bewegt. In solch einem Fall bleibt es bei der wieder integrierbaren
Manifestation eines antikapitalistischen Interesses, das sich, wollte es
tatsächlich zur Realisierung der Emanzipation schreiten, gerade
außerhalb der für den entwickelten Kapitalismus adäquaten politischen
Formen artikulieren müßte.
Strasser, damit beispielhaft für eine sich als links verstehende
Politikwissenschaft, ging in seiner Verherrlichung des Staates soweit,
daß er ihn zur "institutionellen Voraussetzung des Sozialismus" [
17] erhob.
Nicht nur die anarchistische Vorstellung
von der spontanen Abschaffung des Staates sei idealistisch, sondern auch
die Theorie vom Absterben des Staates würde "für sozialistische Politik
ihre Relevanz verlieren." [
18] Die Emanzipation
von Ausbeutung und Unterdrückung soll demnach in der politischen
Zwangsform Staat ihren höchsten Ausdruck finden - ein durchaus
folgerichtiges Resultat, wenn man "sozialistische Politik" machen will,
anstatt Kritik der Politik zu betreiben.
Den Beweis für die Möglichkeit eines friedlichen Übergangs zum
Sozialismus sah Strasser, stellvertretend für alle Juristensozialisten,
in den Formulierungen des Grundgesetzes der BRD, das die Möglichkeit des
Sozialismus offen lasse. [
19] Zum einen wird damit
suggeriert, daß, sollte sich tatsächlich einmal ein massenhafter
Widerstand gegen Kapital und Staat artikulieren, die Emanzipation durch
den Wahlakt herbeigeführt werden könnte, weil die Verfassung das
schließlich erlaube. Was in solchen Fällen tatsächlich passiert, was
also geschieht, wenn die herkömmlichen Integrationsleistungen der
transformierten Demokratie nicht mehr greifen, nämlich der ungehemmte
Rückgriff auf faschistische oder zumindest offen autoritäre
Herrschaftstechniken, hätte auch schon zur Zeit der Entstehung von
Strassers Agnoli-Kritik allgemein bekannt sein können. Zum anderen ist
die Behauptung, das Grundgesetz lasse die Möglichkeit der
Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse offen, schlichtweg
falsch. Die Artikel 18 und 21 GG schreiben unmißverständlich die
allgemeine Verpflichtung zur Verfassungstreue aller Bürger und
Bürgerinnen fest. Agnoli bemerkte dazu treffend: "So kommt es zu dem
erstaunlichen Schluß, daß in der BRD der grundsätzliche
Verfassungsdissens einfach unter Verbot steht." [
20] Da jeder Kommunismus, der
den Namen verdient, mit
dem Grundgesetz brechen müßte, anstatt es in der Tradition der
Abendroth-Schule verwirklichen zu wollen, liegt es klar zu Tage, daß die
allgemeine Emanzipation in der BRD unter Strafandrohung steht.
Eine andere Kritik an Agnoli zielt darauf, daß es in der "Transformation
der Demokratie" an einer ausdifferenzierten Untersuchung einzelner, in
der Demokratie zentraler Institutionen und deren jeweiliger Bedeutung
bei dem konstatierten Involutionsprozeß fehle. [
21] Tatsächlich erfährt in der
"Transformation"
lediglich das Parlament eine genauere Beachtung. Auch in den späteren
Schriften Agnolis finden sich eher vereinzelte Hinweise zur Analyse der
Struktur und Wirkungsweise einzelner Institutionen. Sein Verdienst
besteht aber gerade darin, eine allgemeine Theorie zur Kritik der
Demokratie und des Staates entwickelt zu haben, die einzelne Beispiele
nicht immer systematisch analysiert, sondern oft nur zur Illustration
heranzieht. Nicht zuletzt deswegen hat Agnoli mehrfach auf den häufig
nur vorläufigen Charakter seiner Arbeitsergebnisse verwiesen. Trotz
dieser Vorläufigkeit will er sie aber als Handlungsanleitungen
verstanden wissen, da sich erst in der Praxis ihr Wahrheitsgehalt
endgültig erweisen kann. Wird die Analyse praktisch, "so beweist sie
sich von selbst." [
22]
Einer der häufigsten Vorwürfe, der gegen Agnolis radikale Kritik erhoben
wurde, ist jener der Destruktivität. Einerseits beteiligt er sich nicht
an der Suche nach alternativen politischen Formen zur besseren
Verwaltung des Kapitalismus. Andererseits bietet er aber auch keine
konkreten Alternativen für eine potentielle nachkapitalistische
Gesellschaft an. Ganz im Gegenteil: sowohl die realsozialistische und
parteikommunistische Vorstellung von einer vom Kapital emanzipierten
Gesellschaft und von der zur Erlangung solch einer Gesellschaft
notwendigen Organisationen, als auch alternative linksradikale
Organisationsformen erscheinen ihm kritikwürdig - auch wenn seine
Sympathie für letztere außer Frage steht. Gerade diese negativistische
Ausrichtung seiner Kritik, die allen linksalternativen Politikberatern
verständlicher Weise ein Greuel war, machen seine Einwände gegen die
herrschende Ordnung so brauchbar. Selbst Autoren, die sich kritisch mit
linksradikaler Demokratiekritik auseinandergesetzt haben, mußten schon
früh die Sinnlosigkeit der näheren Bestimmung einer Verwirklichung der
Befreiung von Staat und Kapital zugestehen. [
23]
So wie sich in der Kritik der politischen Ökonomie Sinn, Notwendigkeit
und Möglichkeit der Abschaffung der Warenförmigkeit der menschlichen
Arbeitsprodukte und damit auch von Geld und Kapital aus der Analyse der
historischen Entstehung, der Funktion und der analytisch-logischen
Ableitung von Wert, Geld und Kapital ergeben, so resultieren auch Sinn,
Notwendigkeit und Möglichkeit der Abschaffung des Staates in der Kritik
der Politik aus der Analyse der Politik, des Staates und seiner
gegenwärtigen demokratischen Verfaßtheit und nicht aus einer bis ins
letzte Detail konkret ausformulierten Utopie von einer herrschaftsfreien
Assoziation freier Individuen. Eben diese Analyse hat sich Agnoli, der
von sich selbst sagt, er sei "eines konstruktiven Denkens nicht fähig",
[
24] zur Aufgabe gemacht.
Diese sympathische Unfähigkeit zur Konstruktivität unterscheidet ihn von
den Zivilgesellschaftsfanatikern von heute, die Ende der 80er Jahre der
kapitalistischen Restaurierung und nationalistischen Mobilisierung im
Osten ihren humanistischen Anstrich verpaßt haben, und die Agnolis
Demokratie- und Staatskritik nur mehr im Vorwort abhandeln. Für Rödel,
Frankenberg und Dubiel ist seine Theorie entgegen ihrem eigenen Anspruch
dogmatisch marxistisch. Immanent lasse sie sich nicht kritisieren. Sie
sei daher gegen jeden empirischen Gegenbeweis immunisiert: "Sowohl die
Intensivierung staatlicher Herrschaft wie auch ihre rechtsstaatliche
Regulierung, sowohl die Ausweitung liberaler Demokratie wie auch ihre
Einschränkung - alles geschieht (nach Agnoli, Anm. S. G.) in der
Absicht, den politisch-ökonomischen Status quo zu sicher." [
25] Die Einwände
gegen Agnoli liefern in diesem Fall
ungewollt einen Hinweis auf die Richtigkeit der kritisierten Ausführungen.
Früher mag es (vor allem bei den Jusos) noch den einen oder die andere
gegeben haben, der oder die an eine systemüberwindende Kraft der
geforderten, aber aus Gründen, die sich bei Agnoli finden lassen, nie
verwirklichten demokratiepolitischen Reformen geglaubt hat. Inzwischen
ist in westlichen Demokratien niemand mehr anzutreffen, der bei der
Begründung seiner jeweiligen Forderungen, richten sie sich nun auf die
Einschränkung oder auf die Erweiterung der Demokratie, ernsthaft
verlauten lassen würde, er ziele auf den Umsturz des
"politisch-ökonomischen Status quo", also auf die Abschaffung von Staat,
Kapital und Patriarchat. Die Einsicht in die Tatsache, daß sowohl
reaktionäre und konservative als auch sozialdemokratische und
linksalternative Politik auf die beste aller möglichen staatlichen
Verwaltungsformen der bürgerlich-kapitalistischen Warenproduktion
hinausläuft, ist offensichtlich so banal wie folgenschwer, daß sich die
Apologeten der Zivilgesellschaft mit Händen und Füßen dagegen wehren
müssen.
Rödels, Frankenbergs und Dubiels Behauptung, Agnolis "kühl zur Schau
gestellte Illusionslosigkeit" bei der Analyse des bürgerlichen Staates
schlage in eine "unpolitische, idealistische Euphorie (um), wenn vom
nach-kapitalistischen Zustand die Rede ist" [
26]
erweist sich schon aufgrund des oben bereits angerissenen Verhältnisses
von Agnoli zu Kritik und Utopie als Unsinn. Bei ihm ist vom
nach-kapitalistischen Zustand in aller Regel überhaupt nicht die Rede.
*Subjektlose Herrschaft und politische Strategie
*
Nicht alle Diskussionen im Anschluß an Agnolis Kritik bewegten sich auf
dem Niveau von linksliberalen Demokratiefanatikern. Die Frage, inwieweit
Politik ausschließlich als bewußtes Handeln zur Herrschaftssicherung
verstanden werden kann, die ernster zu nehmen ist als die Einwände der
Habermas-Haberer, tauchte schon bei Auseinandersetzungen in den 70er
Jahren auf. Agnoli wurde vorgeworfen, er habe die Rolle der selbstbewußt
handelnden Subjekte an der Spitze der bürgerlichen Gesellschaft
überbewertet. Die von ihm konstatierte Transformation von Herrschafts-
zu Verteilungskonflikten sei nicht das Resultat bewußter Strategie,
sondern das "Ergebnis der Verkehrung des Klassenverhältnisses in der
Produktion von Wert und Mehrwert durch die entwickelte Oberfläche der
Konkurrenz. Nur in deren verkehrten Formen drückt sich das
Klassenverhältnis ebensowohl aus, wie es ständig strukturell-unbewußt
reproduziert wird, und bildet den Boden für das konfligierende und
kompromißhafte Nebeneinander gesellschaftlicher Interessen in der
Politik." [
27] Diese Kritik, die die Marxsche
Fetischkritik aus den drei Bänden des "Kapital" in Erinnerung ruft,
löste beim Kritisierten jedoch nur Unverständnis aus. In einem Gespräch
mit Agnoli reagierte Ernest Mandel, in marxistischer Terminologie
wahrlich nicht ungeschult, auf diesen Satz mit der Frage: "Was heißt
das?" Agnoli darauf: "Das weiß ich auch nicht." [
28] Dieses Unverständnis ist
ein Beispiel für die
Ignoranz zweier sehr unterschiedlicher Vertreter des Marxismus gegenüber
der Analyse der Fetischisierungen und Mystifikationen in der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Dennoch hat Agnoli selbst den
Widerspruch zwischen bewußtem politischem Handeln zur Durchsetzung von
Kapital- und Staatsinteressen einerseits und dem blinden Wirken der
Wertgesetzlichkeiten durch das im fetischistischen Bewußtsein begründete
Handeln andererseits thematisiert. Der scheinbare Widerspruch zwischen
bewußter Aktion und blindem Wirken des Wertgesetzes löst sich auf, wenn
die ökonomische Verfaßtheit der Gesellschaft, ihre Warenförmigkeit, und
der subjektive Wille zur politischen Macht als gegenseitig abhängige,
aber dennoch eigenständige Sphären begriffen werden. Politische
Machtverschiebungen sowie Kontrolle und Reglementierung
gesellschaftlicher Zusammenhänge sind keineswegs blinde Prozesse. Sie
resultieren aus bewußten Strategien einzelner Machtgruppen. Dennoch läßt
sich auch von subjektloser Herrschaft sprechen. Die Existenz
fetischistischen Bewußtseins ist in dem Sinne total, daß es nicht von
einer Klasse oder gesellschaftlichen Gruppierung bewußt in die Welt
gesetzt wird, sondern tendenziell alle Subjekte in der entwickelten
warenproduzierenden und -tauschenden Gesellschaft dieser falschen
Reflexion gesellschaftlicher Wirklichkeit, die zugleich eine richtige
ist, da sie den alltäglichen Anforderungen an die bürgerlichen Subjekte
entspricht, verhaftet sind. Unbegriffenheit der inneren Bewegungsgesetze
des Kapitalismus und bewußte politische Handlungen zur Aufrechterhaltung
des Kapitalismus und seiner politischen Rahmenbedingungen existieren
also gleichzeitig: "Derart kann von einem Zusammenhang zwischen blind
wirkendem Wertgesetz und bewußter politischer Perspektivwahl und
-entscheidung der Führungsgruppen gesprochen werden." [
29]
Dennoch ist der Vorwurf nicht ganz von der Hand zu weisen, daß Agnoli
trotz all seines Antidogmatismus und seiner schon früh formulierten
Kritik am Marxismus-Leninismus einige altlinke Grundirrtümer mit sich
herumschleppt. Besonders scharf und mitunter in einem völlig überflüssig
unfreundlichen, geradezu gehässigen Tonfall, inhaltlich aber in manchen
Punkten durchaus zutreffend, hat Peter Klein auf einige Mängel in
Agnolis Theorie hingewiesen. Zu recht wirft er ihm vor, daß er die
Demokratie fast ausschließlich als Betrugsmanöver begreift und sich sein
theoretisches Konzept auf eine "strategische Manöver ausführende
'herrschende Klasse'" [
30] reduziert. Da sich
Klein nur auf die
"Transformation der Demokratie" und auf jene Texte bezieht, die
gemeinsam mit deren Neuauflage 1990 wieder veröffentlicht wurden, ist es
auch verständlich, daß er Agnoli vorwirft, daß bei ihm der
Kapitalbegriff ausgeblendet bleibt und auch die Wert- und
Warenförmigkeit nicht thematisiert wird. [
31] Vor
dem Hintergrund von Agnolis "Staat des Kapitals" wird solch ein Vorwurf
zwar relativiert, aber nicht gänzlich entkräftet. Dennoch: Kleins
vernichtende Kritik wäre in eine Beurteilung zu transformieren, die die
Ambivalenzen in der Demokratie- und Staatskritik Agnolis aufzeigt. Denn
wie Klein so zu tun, als habe Agnoli von der Marxschen
Gesellschaftskritik, die eben nicht auf eine personalisierende, sondern
auf eine - wenn auch nicht im Sinne des Strukturalismus - strukturelle
Ökonomie- und Politikkritik hinausläuft, rein gar nichts verstanden,
verbietet sich schon auf Grund der zahlreichen Hinweise Agnolis
beispielsweise auf den "sekundären, instrumentellen Charakter der
'Herren' der Produktion". [
32] Auch der
Kapitalbegriff wird von Agnoli nicht durchgängig ignoriert, und das
Kapital wird bei ihm auch keineswegs einfach als monolithischer
Machtblock, der den Beherrschten gegenübersteht, verstanden, sondern
durchaus im Sinne der Marxschen Fetischkritik begriffen. Die ökonomische
Qualität des Kapitals besteht nach Agnoli darin, "eine soziale
Gegebenheit zu sein, deren höchster Zweck ihre eigene Verwertung ist".
[
33]
Der Vorwurf jedoch, daß Agnoli sich in seiner Kritik fast ausschließlich
auf die Manipulation der sogenannten Beherrschten durch die scheinbar
selbstbewußt Herrschenden konzentriert, ließe sich anhand weiterer Texte
untermauern und erweitern. In seinen faschismustheoretischen Schriften
findet sich zwar nie jener vorbehaltlose Bezug auf die angeblich nur
verhetzte Arbeiterklasse, das Volk oder die Massen, wie man es von der
nationalen Linken kennt, aber auch bei ihm ist, selbst noch wenn es um
den Antisemitismus geht, vorrangig von Herrschaftstechniken die Rede.
Agnoli weist zwar darauf hin, daß er nicht in der Lage sei, die Shoa
"mit irgendwelchen rationalen, marxistischen oder sonstigen Kategorien
zu begreifen" [
34] und hält auch an seiner
richtigen Charakterisierung der Massenvernichtung als Ausdruck einer
"totale(n) Irrationalität der Herrschaft" [
35]
fest. Den Antisemitismus vor dem Schritt zur bürokratisch organisierten
und industriell betriebenen Massenvernichtung im Nationalsozialismus
begreift aber auch er nur als Mittel zu einem außerhalb des
Antisemitismus liegendem Zweck. Die Behauptung von der
"jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" wird von ihm nicht als
selbst geglaubte Lüge, als aus dem auf die Spitze getriebenen Irrsinn
kapitalistischer Warenproduktion und staatlicher Herrschaft
resultierende pathologische Projektion begriffen, sondern als eines der
"Hauptinstrumente zur Integration und Manipulation auf Massenniveau" [
36]
beschrieben. Es besteht hier die Gefahr einer
Verkürzung des Antisemitismus auf ein besonders hinterhältiges
Herrschaftsmittel, das den selbstbewußt Herrschenden zur kalkulierten
Machtsicherung je nach Lage der Dinge frei zur Verfügung steht. Der real
vorhandene Antisemitismus in herrschenden Kreisen droht dadurch
unbeachtet zu bleiben und in bezug auf die aus ihm ableitbaren
Handlungen ebenso unterschätzt zu werden wie der auch ohne große
Überredung oder Manipulation "von oben" vorhandene Antisemitismus bei
den abhängigen Klassen.
Agnoli selbst hat mehrfach nachdrücklich darauf hingewiesen, daß wir es
in den europäischen Nachkriegsstaaten keineswegs mit Gesellschaften zu
tun haben, die aus dem Nichts entstanden sind, sondern mit
postfaschistischen Gesellschaften, die zahlreiche Komponenten des
Faschismus, wie beispielsweise den Korporatismus, in modifizierter Form
in sich aufgenommen haben. Wenig Beachtung hingegen erfährt bei ihm die
Tatsache, daß es sich bei der BRD nicht nur um einen postfaschistischen,
sondern vor allem um einen postnationalsozialistischen Staat handelt.
Auch wenn Agnoli stärker und früher als andere auf Unterschiede zwischen
dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus
hingewiesen hat, fehlt es bei ihm zuweilen an einer antideutschen
Zuspitzung der Kritik, die die modifizierte Fortexistenz der
verfolgenden und sich verfolgt fühlenden nationalsozialistischen
Volksgemeinschaft im volksgemeinschaftlichen Verfassungskonsens der BRD
ins Visier zu nehmen hätte. Genau in diesem Mangel ist das Einfallstor
für die altlinken Irrtümer in seinen häretischen Marxismus auszumachen.
Die klare Trennung in Herrschende und Beherrschte, bei der viel von
Klasseninteressen, aber wenig von der deutschen Volksgemeinschaft die
Rede ist, bleibt bei ihm ebenso aufrecht wie die theoretische
Vorstellung einer Trennung von Staat und Gesellschaft. Stefan Vogt und
Andreas Benl haben zu Recht darauf hingewiesen, daß diese beiden
Ausgangsthesen "in Deutschland seit dem Nationalsozialismus hinfällig
geworden (sind)", und daß Agnoli mit diesen Grundannahmen seinen eigenen
Ergebnissen, nämlich der "Charakterisierung der Bundesrepublik als
autoritäre Demokratie, die die volksgemeinschaftliche Basis
rechtsstaatlich anstatt terroristisch herzustellen bemüht ist", [
37]
widerspricht.
Bei aller Kritik an Vorstellungen von einem revolutionären Automatismus,
der in den Aktionen der Arbeiterklasse immer schon die Befreiung am
Werke sieht, finden sich auch in Agnolis Texten aus den 60er und 70er
Jahren immer wieder Äußerungen, die man heute als arbeitertümelnd oder
massenverliebt bezeichnen würde. Zu recht weist Agnoli daraufhin, daß es
nicht stimmt, "daß der Arbeiter per se ein Reformist ist", aber
ebensowenig "per se ein Revolutionär". [
38] An
anderer Stelle klingt das aber wieder ganz anders, wenn er seine eigenen
Wünsche und die von relativ marginalen Teilen des Proletariats zum
allgemeinen Willen der Arbeiterklasse erklärt: "Das Proletariat will
aber Kommunismus als Emanzipation und nicht als Übermacht des Staates."
[
39] Schön wär's.
Vor dem Hintergrund solcher "nicht vollends abgestreifte(r) Erbschaften
des traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus" [
40] stellt sich die Frage nach
der Aktualität von
Agnolis Kritik und insbesondere von seiner "Transformation der
Demokratie". Agnoli hat zu dieser Aktualität mehrfach selbst Stellung
bezogen. Zum einen hat er darauf verwiesen, daß seine Kritik als
Fundamentalkritik zu verstehen sei und insofern ihre anhaltende
Gültigkeit auch an der grundlegenden Struktur von Gesellschaft und Staat
gemessen werden müßte. Die Produktionsweise, die gesellschaftliche
Struktur und die politische Form seien auch 20 Jahre nach dem Erscheinen
der "Transformation der Demokratie" in den westlichen Staaten in ihren
Grundzügen gleich geblieben. Daher habe auch die Kritik nichts an ihrer
Berechtigung und Richtigkeit verloren. Zum anderen verweist Agnoli zu
recht auf politische Entwicklungen, wie beispielsweise die in den 80er
Jahren sich vollziehende Integration der Grünen, die "allen Vorwürfen
und Ungültigkeitserklärungen zum Trotz die Involutionstheorie
(verifizieren)." [
41] Diese Einschätzungen sind
mittlerweile selber 14 Jahre alt. Prinzipiell lassen sie sich heute
wiederholen. Die Produktionsweise, die gesellschaftliche Struktur und
die politische Form, die Agnoli als die "drei Grundelemente"
bezeichnete, "die die Gründe für die kritische Analyse der
Transformation der Demokratie" [
42] waren,
existieren grundsätzlich betrachtet in fast gleicher Form fort. Neben
solch allgemeinen Feststellungen ist jedoch nochmals hervorzuheben, daß
die Mehrzahl von Agnolis Texten aus den 60er und 70er Jahren stammen.
Das merkt man beispielsweise, wenn er in seiner Kommemorativabhandlung
aus dem Jahr 1986 den Integrations- und Anpassungsprozeß der Grünen zwar
bereits konstatiert, aber zugleich noch Hoffnungen hegt, daß maßgebliche
Teile dieser damals noch neuen Partei weiterhin das Projekt einer
Fundamentalopposition verfolgen würden - eine Vorstellung, die heute,
zehn Jahre nach dem endgültigen Anschluß der Grünen an das deutsche
Vaterland, auch Agnoli absurd vorkommen wird. [
43]
Die Aktualität von Agnolis Ausführungen zu den Folgen der
Institutionalisierung von Protest und Widerstand, von der
Verparteilichung und Parlamentarisierung von Subversion, läßt sich heute
exemplarisch nicht mehr an den Grünen, sondern an der PDS demonstrieren.
Ihrem Wesen nach ist sie zwar eine ostdeutsche Protestpartei mit
sozialdemokratisch-nationaler Ausrichtung, dennoch ist sie trotz aller
bereits erfolgter Anpassungsleistungen noch nicht vollständig, das heißt
samt ihrer kompletten Anhänger- und Wählerschaft in das parlamentarische
System integriert. Die Politik der Parteiführung wie auch die
Orientierung der überwiegenden Teile der Anhängerschaft zeigen aber, daß
die PDS auf dem besten Weg ist, ein Paradebeispiel für die von Agnoli
aufgezeigte Wirkungsweise der Integrationsmechanismen von demokratischen
Institutionen zu werden. In diesen Bereichen liegt die Aktualität der
Agnolischen Kritik klar auf der Hand.
Für einige der aktuellen Diskussionen in der Linken geben Agnolis Texte
jedoch recht wenig her. Die Auseinandersetzungen über Nation und
Nationalismus, über strukturellen Antisemitismus und verkürzte
Kapitalismuskritik, wie sie spätestens seit Anfang der 90er Jahre vor
allem in der Linken in den deutschsprachigen Ländern geführt werden,
konnten aus Agnolis Texten kaum Impulse erhalten. Das liegt in erster
Linie daran, daß jene grundlegende Gemütslage nationalstaatlicher
Warenmonaden, die sich darin äußert, daß man sich permanent betrogen und
übervorteilt fühlt, einen diffusen Haß gegen "die da oben" hegt und
eventuell auch noch von geheimen Mächten im Hintergrund phantasiert, die
am eigenen Elend Schuld sein sollen, bei Agnoli nicht Gegenstand der
Kritik ist, sondern ganz im Gegenteil immer wieder als Beleg für die
grundsätzliche Widerständigkeit der abhängigen Massen herhalten muß. Die
zum Teil rassistischen, vor allem aber antisemitischen Implikationen
jenes antikapitalistischen Ressentiments, das einzelne Kapitalisten und
Politiker kritisiert, aber nicht das Kapital oder den Staat als solchen,
bekommt Agnoli nur selten in den Blick. Selbst noch der rigide
Antiintellektualismus deutscher Werktätiger, der fast nie ohne eine
latente antisemitische Einfärbung auskommt, schien ihm bisweilen eine
Bestätigung für die ursprüngliche Aversion der Arbeiterinnen und
Arbeiter gegen Herrschaft jeglicher Art zu sein. [
44]
*Warenfetisch und Staatsfetisch
*
Keine materialistische Staats- und Politikkritik existiert ohne Bezug
auf die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, und auch Agnoli hat
sein Programm einer Kritik der Politik immer wieder explizit als
"Fortsetzung der Kritik der politischen Ökonomie" [
45] bezeichnet. Hätte er zu
den erwähnten aktuellen
Debatten mehr beitragen wollen, hätte er sich vermutlich nicht vorrangig
auf die auch im traditionellen Marxismus stets favorisierte Mehrwert-
und Klassentheorie stützen dürfen, sondern auch stärker auf die Analyse
der Wertformen und den aus ihnen resultierenden Fetischismus beziehen
müssen. Bei Agnoli finden sich keine Stellen, an denen explizit vom
Verhältnis von Waren- und Staatsfetisch die Rede ist. Seine Texte sind
aber für die Linke dennoch enorm wichtig gewesen - und sind es, schon
allein weil sich große Teile der Linken gerade in ihren schlechten
Traditionen treu geblieben sind, über weite Strecken bis heute. Mit
seinen Einwänden gegen Staat und Politik hat Agnoli der Linken ein Erbe
hinterlassen, an das es sich lohnt, anzuknüpfen. Bei aller Kritik -
einige von Agnolis Texten sind bis heute alleine auf Grund einzelner
Formulierungen, die in ihrer Treffsicherheit kaum zu überbieten sind,
aktuell geblieben. Man denke beispielsweise nur an seine zu recht viel
zitierte Kennzeichnung der so hoch gelobten Parteienvielfalt in der BRD
als "plurale Fassung einer Einheitspartei". [
46]
Agnoli war und ist einer der wenigen radikalen Staats- und
Demokratiekritiker des postfaschistischen Deutschland, dessen
theoretische Einlassungen allzu personalisierender Politik- und
Staatskritik von vornherein eine klare Absage erteilen. Als Wert- und
Fetischkritiker gibt er dennoch nicht viel her. Nach Auskunft ehemaliger
Studierender hat Agnoli in seinen Vorlesungen bisweilen einige Worte zur
Werttheorie und den in ihr analysierten und kritisierten Mystifikationen
und Verkehrungen in der kapitalistischen Warenproduktion verloren, aber
in den bisher veröffentlichten Schriften finden sich keine expliziten
Anknüpfungen an die Marxschen Ausführungen zum Waren-, Geld- und
Kapitalfetisch, und auch implizite Bezugnahmen lassen sich nur
vereinzelt ausmachen. Agnoli dürfte aber bei einigen seiner Zuhörer ein
Interesse für eben jenen Zusammenhang von Waren- und Staatsfetisch
geweckt haben. Einer der deutlichsten Hinweise auf den Zusammenhang von
Warenfetischismus und staatlicher Gewalt aus der letzten Zeit findet
sich bei einem seiner ehemaligen Studenten. [
47]
Das weitgehende Desinteresse an der Marxschen Fetischkritik und ihren
Implikationen hat der häretische Marxismus eines Agnoli aber keineswegs
für sich gepachtet. Es war (und ist) in erster Linie das Markenzeichen
der lange Zeit dominierenden Richtungen des Marxismus. Gerade im
Marxismus-Leninismus hat man sich für die Marxsche Fetischkritik nicht
sonderlich interessiert. Kaum jemand kam auf die Idee, ausgehend von der
Marxschen Analyse des Waren-, Geld- und Kapitalfetischs die Kategorie
des Staatsfetischs näher zu untersuchen oder überhaupt erst zu
entwickeln. Nur wenige Theoretiker haben beiläufig einige Bemerkungen
zum Zusammenhang von Waren- und Staatsfetisch geäußert. Gramsci sah die
fetischistische Denkweise bei der Betrachtung vom "Staat, der Nation,
den politischen Parteien" [
48] am Werke, stellte
jedoch keinen direkten Bezug zur Marxschen Fetischkritik her. Trotzki
sprach vom Staat als dem "fürchterlichsten aller Fetische", [
49] den die
Klassengesellschaft zu ihrem Schutz
eingesetzt habe. Religiöser, ökonomischer und politischer Fetischismus
werden von ihm als Einheit begriffen. Sie könnten daher auch nur als
Einheit aufgehoben werden.
Der Versuch einer Ergänzung des Marxschen Fetischkonzepts findet sich
bei Eugen Paschukanis, der von einer Erweiterung des Warenfetischismus
durch den "Rechtsfetischismus" [
50] spricht. Sehr
deutlich weist auch Lukács auf den Zusammenhang von Waren- und
Staatsfetisch hin. Er versucht, die Fetischkritik auf den Staat
anzuwenden, Verdinglichung in staatlichen Strukturen aufzuzeigen und die
verdinglichende Wirkung von Rechtssystemen hervorzuheben. Staat, Recht
und Verwaltung werden bei ihm implizit als Fetische vorgestellt, die
zwar von Menschenhand geschaffen wurden, aber als übermächtig und
naturgegeben erscheinen. Die Arbeitsteilung, die die Verdinglichung
befördert, sei in der Bürokratie, die Lukács in Anlehnung an Max Weber
analysiert, zum Teil noch frappanter als in der industriellen
Produktion. Wie in der Produktion vom konkreten Gebrauchswert der Waren
weitgehend abstrahiert wird, so kommt es in der staatlichen Verwaltung
zu einer sich "immer steigernde(n) Abtrennung vom qualitativ-materiellen
Wesen der 'Dinge'", an deren Stelle eine "formell-rationalistisch(e)
(...) Behandlung aller Fragen" [
51] tritt. Durch
die staatliche Verwaltung kommt es daher zu einer "Steigerung der
verdinglichten Bewußtseinsstruktur als Grundkategorie für die ganze
Gesellschaft." [
52]
Während der materielle Fetischismus von Warenproduktion und -zirkulation
seinen Ausdruck in den verdinglichten, die Totalität als Kategorie
zunehmend ausblendenden Begriffen der Ökonomie findet, entsprechen dem
scheinbar naturhaften und geschichtslosen Dasein des Staates die
festgefügten Kategorien der Rechtswissenschaften. Der Fetischismus in
den Rechtswissenschaften ist nach Lukács sogar noch verfestigter als in
der Ökonomie, da es sich bei ersterer um eine bewußtere "Verdinglichung
ihrer Einstellung" [
53] handelt. Aber auch wenn
Lukács Verdinglichung in der Ökonomie und in der staatlichen Struktur
einzeln anführt, wendet er sich doch vehement gegen eine einfache
Trennung oder eine Entgegensetzung von Staat und Ökonomie.
Vielmehr bilden sie bei ihm konstitutive Elemente der verdinglichten
Totalität. Die Trennung von Ökonomie und im Staat materialisierter
Gewalt ist selbst Ausdruck des Fetischismus in den ökonomischen
Beziehungen und der ebenfalls fetischistischen juristischen Form der
organisierten Gewalt, die "ihr latentes, ihr potentielles Vorhandensein
in und hinter jeder ökonomischen Beziehung vergessen macht". [
54] Die Trennung
des gesellschaftlichen Lebens in die
scheinbar autonomen Bereiche Wirtschaft und Politik ist eine
Unterscheidung, die selbst schon auf der Verdinglichung beruht.
In den 70er Jahren sind zwar einige der bis heute wichtigsten Texte zur
materialistischen Staatskritik erschienen, aber nur in wenigen Arbeiten
wurde versucht, den Waren-, Geld- oder Kapitalfetisch explizit mit Staat
und Politik in Beziehung zu setzen. Während sich Autoren wie der
Althusserianer Poulantzas prinzipiell dagegen verwehrten, die Kritik des
Fetischismus zum Ausgangspunkt einer Analyse des Staates zu machen, [
55]
versuchten Autoren und Autorinnen wie
beispielsweise Müller, Neusüß, Huisken und Flatow die aus den
Eigentümlichkeiten der Warenform entspringenden Mystifikationen und die
Mystifizierung des Staates zusammenzudenken. [
56]
Auch Autoren wie Blanke haben darauf hingewiesen, daß man "entsprechend
dem Geldfetisch (...) von einem Staatsfetisch sprechen (könnte)." [
57]
In heutigen Diskussionen wird das Verhältnis von Waren- und
Staatsfetisch kaum mehr thematisiert. Nur wenige Autoren interessieren
sich überhaupt noch für materialistische Ökonomiekritik, wenn sie über
den Staat schreiben. Für Joachim Hirsch beispielsweise existieren zwei
grundlegende soziale Formen, in denen Vergegenständlichung im
Kapitalismus zum Ausdruck kommt: der Wert und die politische Form Staat.
[
58] Der Staatsfetisch wird bei ihm unmittelbar
aus dem Warenfetisch entwickelt. [
59] John
Holloway betrachtet den Staat ebenfalls als fetischisierte Form
gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Untersuchung des Staatsfetischs wie
die Untersuchung verdinglichter sozialer Verhältnisse überhaupt erklärt
er zur Voraussetzung für das Verständnis der internationalen
Staatenkonkurrenz. [
60] Negri und Hardt verweisen
darauf, daß es in der Phase der realen Subsumtion der Arbeit unter das
Kapital und der realen Subsumtion der Gesellschaft unter den Staat zu
zunehmenden Mystifikationen und Fetischisierungen des Kapitals kommt.
[
61]
Was heute ansteht, und zum Teil - wenn auch in sehr unterschiedlicher,
sich mitunter widersprechender Weise - von Gruppen wie der "Bahamas",
der "Krisis" dem "Kritischen Kreis" oder der ISF begonnen wurde, ist
eine Radikalisierung von Agnolis Kritik der Politik vor dem Hintergrund
der Neurezeption der Marxschen Fetischkritik. Die Kritik an der
begeisterten Bezugnahme auf jede auch nur irgendwie widerständige Regung
der wert- und staatsfetischistischen bürgerlichen Subjekte und an der
diesen Regungen im Postnationalsozialismus fast zwangsläufig
innewohnenden Affirmation der Volksgemeinschaft muß dabei in Zukunft ins
Zentrum gerückt werden
*Zur Kritik der kritischen Politik
*
Gegen eine Kritik der Politik in Anknüpfung und Fortführung Agnolis
könnte eingewendet werden, sie bezöge sich in erster Linie auf Politik,
wie sie im Verständnis des Mainstreams innerhalb der Politikwissenschaft
propagiert wird. Man könnte meinen, angesichts normativer und vor allem
emanzipatorischer Politikbegriffe, wie sie in der kritischen
Politikwissenschaft formuliert worden sind, müßte die Kritik der Politik
relativiert werden. Die Kritik des Staates und die Skepsis der Politik
gegenüber, als taugliches Mittel zur allgemeinen Emanzipation zu dienen,
richtet sich allerdings ganz bewußt nicht nur gegen Politik im Sinne der
apologetischen und affirmativen Politikwissenschaft konservativen Typs,
sondern ebenso gegen die kritische oder auch sozialistische
Politikwissenschaft, die sich immer noch abmüht, die angeblichen
Diskrepanzen zwischen Verfassungstext und gesellschaftlicher Realität,
zwischen Demokratieversprechen und realer Verfaßtheit der demokratischen
Gesellschaft aufzuspüren und aufzuzeigen, um dann die Verwirklichung der
"gerechten" Verfassung und der "wahren" Demokratie einzufordern. [
62]
Emanzipation wird auch in den neueren Texten der klassischen Vertreter
der kritischen Politikwissenschaft in Herrschaftskategorien gedacht.
Narr und Schubert glauben an eine emanzipatorische Politik und sorgen
sich dementsprechend um die "Rettung des Politischen." [
63] Sie stellen zwei
Auffassungen von Politik
gegenüber. Zum einen sehen sie, was Politik heute real ist: "die
Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln." [
64]
Zum anderen formulieren sie ihr eigenes Politikverständnis und
schreiben, daß es für sie nur dann sinnvoll ist, von Politik zu
sprechen, wenn ein Handlungsspielraum für politische Entscheidungen
vorhanden ist, dieser ausgedehnt wird, und mehrere Personen an diesen
Entscheidungen beteiligt sind. Vor diesem Hintergrund wäre emanzipative
Politik bereits durch eine umfassende Politisierung - mit Narr und
Schubert verstanden als Ausweitung der Entscheidungsmöglichkeiten und
Verbreiterung der Partizipation - gegeben. [
65] Im
Sinne des Politikbegriffs von Narr und Schubert sorgt die Politik, wie
sie real ist, dafür, daß Politik in ihrem Sinne, das heißt, Politik,
wie sie sie sich wünschen würden, minimiert wird. [
66] Wie begrenzt der
emanzipatorische Gehalt ihres
normativ-idealistischen Politikbegriffs, bei dem formale Kriterien als
zuverlässige Gradmesser des emanzipativen Potentials ausgegeben werden,
letztendlich ist, wird deutlich, wenn sie versuchen, einen radikaleren
Politiktheoretiker zu interpretieren. Robert Kurz sieht als einzige
progressive Möglichkeit zur Überwindung der konstatierten allgemeinen
Krise die Etablierung einer bewußten "Aufhebungsbewegung" und meint
damit eine wertkritische Bewegung, die die Wertverwertung und den Staat,
das Recht und die Politik aufhebt, daß heißt, zum Kommunismus hin
revolutioniert und zerstört. Narr und Schubert hingegen haben eine
andere Interpretation der Kurzschen Intentionen parat. Eine
"Aufhebungsbewegung" im Kurzschen Sinne wäre ihres Erachtens nach "die
Verfassungsreform" [
67] - ein Mißverständnis, bei
dem Emanzipation zur Reform bürgerlicher Ordnungsformen verkommt.
Anderes und doch ähnliches findet sich bei Joachim Hirsch. Hirsch
erkennt, daß staatliche Macht kein taugliches Mittel für grundlegende
emanzipative Veränderungen sein kann und erteilt "revolutionäre(r)
Politik im traditionellen Verständnis" eine klare Absage, "weil Menschen
nicht mittels Herrschaft und Zwang befreit werden können." [
68] In die Politik
wären demnach auch nach Hirschs
Verständnis schon immer Herrschaft und Zwang eingeschrieben. Zu Recht
kritisiert Hirsch die Hoffnungen auf eine neue Zivilgesellschaftlichkeit
und erkennt in ihr gewandelte Formen von Herrschaft. Seine Arbeiten
zeichnen sich vor allem durch die scharfe Kritik an den
Zivilgesellschaftskonzepten in den neueren demokratiepolitischen
Debatten und durch die damit einhergehende Ablehnung der unkritischen
Bezugnahme auf NGOs als emanzipatives Potential aus. Immer wieder aber
rekurriert Hirsch selbst auf einen neuen, idealen Begriff von
Zivilgesellschaft und hält sich an dem Glauben fest, die Ökonomie sei
letztlich doch durch die Politik domestizierbar. Dabei wird außer acht
gelassen, daß Ökonomie und Politik die beiden zusammengehörenden
konstitutiven Elemente der kapitalistischen Gesellschaftsformation sind.
Sie sind Momente der schlechten gesellschaftlichen Totalität. Die
Politik zügelt nicht die Ökonomie zum Wohle der Menschen, sondern zum
Zwecke der Aufrechterhaltung der fetischistischen Verwertung des Werts.
Trotz seiner kritischen Distanz glaubt Hirsch, in NGOs und weltweit
vernetzten Basisorganisationen Träger des von ihm eingeforderten
"radikalen Reformismus" [
69] ausmachen zu können.
Daß die ohnehin nur spärlichen emanzipativen Ansätze dieser
Organisationen angesichts der Krisenerscheinungen staatlicher Macht und
Organisationsfähigkeit immer wieder durch ihre Rolle als alternative
Krisenverwalter, durch die sie einen "parastaatlichen Charakter" [
70]
erhalten, konterkariert werden, findet bei Hirsch
keine Beachtung. Auch wenn er immer darum bemüht ist, daß sein Konzept
eines "radikalen Reformismus" nicht als Absage an die soziale Revolution
mißverstanden werden kann, ist auch in den jüngeren Publikationen etwas
nebulös von "alternative(n) Netzwerke(n)", [
71]
wahrer Demokratie statt der bestehenden und wirklicher Zivilgesellschaft
im Gegensatz zur bekannten die Rede. Seine an Poulantzas orientierte
Vorstellung von einer Politik, "die sich in und mit dem Staat zugleich
gegen ihn (...) richtet" [
72] gefällt jemanden wie
Agnoli, von dem Hirsch ja einiges hält, vermutlich nicht besonders.
Permanent scheint es so, als würde Hirsch seine oft genug mit Nachdruck
vorgebrachte prinzipielle Ablehnung des Staates als Mittel zur
Emanzipation zumindest relativieren.
Bei Altvater und Mahnkopf ist von der bei Hirsch noch deutlichen
Intention, der radikale Reformismus möge letztlich doch zur
Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse führen, kaum mehr
etwas zu vernehmen. Schwang Altvater sich schon nach der deutschen
Wiedervereinigung zum beratenden Krisenmanager auf, indem er für die
Sanierung der ostdeutschen Wirtschaft "viel Markt und viele
Subventionen" [
73] empfahl, so macht er sich heute
gemeinsam mit Birgit Mahnkopf Gedanken über marktkonforme
Eingriffsmöglichkeiten zur Zügelung der globalisierten Weltökonomie. Die
beiden wollen Finanzmärkte nicht mehr abschaffen, sondern
"entschleunigen", da sie sich um die Stabilität der "realen Ökonomie"
[
74] sorgen. Energie soll nicht mehr ihrer
Warenförmigkeit entkleidet, sondern besteuert werden, damit "das Trauma
der Globalisierung gemindert wird." [
75] Die
Träger ihres reformistischen Notprogramms entdecken auch sie in der
"globalen 'civil society'" und in "den internationalen Netzwerken der
Nicht-Regierungsorganisationen". [
76]
Angesichts dieses Zustands der kritischen oder auch sozialistischen
Politikwissenschaft, in der selbst die ohnehin auch zu kritisierende
Position, Politik betreiben zu wollen, um sie abzuschaffen, kaum noch
Platz hat, gilt es, im Anschluß an Agnoli an einer radikalen Kritik der
Politik festzuhalten. In dieser Kritik wird Politik einerseits als
bewußte Herrschaft und andererseits als objektiver, den Trägern und
Trägerinnen von Politik unbewußter historischer und gegenwärtiger
Durchsetzungsmodus der Wertverwertung begriffen. Auch die scheinbar
emanzipative Politik der traditionellen Arbeiter- und
Arbeiterinnenbewegung und der Neuen sozialen Bewegungen muß in diesem
Verständnis im wesentlichen als Beitrag zur Durchsetzung der
warenproduzierenden Moderne eingeschätzt werden. Alleine die Tatsache,
daß alle anfänglich emanzipatorischen Bewegungen, die klassische oder
auch alternative Politik betrieben haben, letztlich immer beim Staat
gelandet sind und in der Regel nicht einmal dazu fähig waren (und es
heute schon gar nicht mehr sind), über den Staat auch nur hinaus zu
denken, rechtfertigt es, Politik, auch wenn sie sich antistaatlich gibt,
als staatsfixiert zu begreifen. Die Kritik der Politik setzt daher
weiterhin nicht auf die Wiederbelebung des Politischen oder auf die
Rettung der Politik, sondern auf ihre Abschaffung.