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Identitätsfalle

Wie die männliche Homosexualität zu ihrem Körper kam

von Tjark Kunstreich (Berlin)

 
Ist schwule Identität etwas, auf das man stolz sein kann oder sind womöglich die Bekenntnisse, "proud to be gay" und "stolz, ein Deutscher zu sein" gar nicht so weit voneinander entfernt? Der positive Bezug auf die Identität einer Gruppe wurde und wird, auch von Linken, mit ihrer Unterdrückung, ihrem Minderheitenstatus begründet. Der Unterschied zwischen deutscher und schwuler Identität läge also darin, dass die Deutschen sich nur einbilden, was für die Schwulen tatsächlich gilt: sie werden unterdrückt. Doch das nützt nicht viel, die Folgen sind dieselben. Nicht nur, weil man offensichtlich hierzulande gleichermaßen stolz auf beides sein kann. Die zunehmend wahnhaften Züge der Identitätspolitik kommen jedenfalls, in beiden Fällen, in dem Gefühl zum Ausdruck, man sei Opfer dunkler Machenschaften und vorzugsweise "der Juden".
Identität ist immer Identifikation und Abgrenzung zugleich. Als notwendiger Bezugspunkt jeglicher Politik erscheint Identität als die Übereinstimmung dessen, was dem Individuum aus irgend einem Grund gegeben ist, und dem Einverständnis des Individuums in dies Gegebene, schließlich als über- oder gar ahistorischer Prozess, den das Individuum notwendig zu durchlaufen hat. Dieser positive Bezug auf Identitäten führt jedoch nicht zur Emanzipation, sondern zur Verfestigung des schlechten Gangs der Dinge; wobei die geforderte Infragestellung und Überwindung von Identitäten ebensowenig zu einer Veränderung beiträgt. Denn in dem Maße, wie Identität als subjektiv-konstruierte wahrgenommen wird, wird der gesellschaftliche Zwang zur Identität ausgeblendet, dessen Erkenntnis die Grundlage der Kritik und der Emanzipation wäre.

2.

Der Begriff der Sodomie im elisabethanischen England war von unserem heutigen der Homosexualität unterschieden. Der Terminus "deckte eine ganze Reihe sexueller Akte ab, von denen jene zwischen Leuten gleichen Geschlechts nur ein Teil waren," schreibt Alan Bray in seinem Aufsatz Homosexualität und die Zeichen der Männerfreundschaft im elisabethanischen England. Sodomie war ein schweres Vergehen wie Atheismus, Blasphemie, Mord, Prostitution und Hexerei ein Zeichen des Bösen. Nun gab es aber ebenso, und zwar anerkannt als eine der höchsten Formen der Courtoisie der höfischen Etikette , enge Männerfreundschaften, deren Zeichen in einem offen zärtlichen Umgang und dem Schlafen im selben Bett bestanden. Niemand wäre auf die Idee gekommen, diese intimen Beziehungen zwischen Herr und Diener, aber auch zwischen Männern gleichen Standes als Sodomie zu bezeichnen, obwohl die Abgrenzung sicherlich schwer fiel. Selbstverständlich wurden solche Freundschaften ab und an auch als Sodomie denunziert, aber Bray entwickelt in seinem Aufsatz, dass sich heute nicht mehr nachvollziehen ließe, ob diese Denunziationen auf Tatsachen beruhten oder nicht. Im Gegenteil analysiert Bray Dokumente solcher Männerfreundschaften, Briefe und Gedichte, die zwar mit heutigen Augen gelesen ausgesprochen schwul klingen, für die damalige Zeit in ihrer Betonung der gegenseitigen Zuneigung jedoch dem geltenden Moralkodex entsprachen.
In Christopher Marlowes Stück Edward II., so Bray, wird weniger über Edward II. als historische Figur denn über die Männerfreundschaft im elisabethanischen England ausgesagt. Was in damaligen Zeiten als Intrige gegen eine vollkommen normale Männerfreundschaft gelten konnte, die durch politische Intriganten denunziert wird, interpretiert man heute als Dokument der Verfolgung eines schwulen Paares: Die Beziehung zwischen Edward und seinem vorgeblichen Geliebten Galveston trägt jedoch lediglich die Merkmale dieser Männerfreundschaft. Ob solche Beziehungen mehr als nur latent homosexuell waren, ist bei der Betrachtung gleichgültig: Eine sexuelle Identität als schwuler Mann war nicht notwendig. Die elisabethanische Gesellschaft, so Bray, "zog es vor, es nicht genau wissen zu wollen, aber wenn es ihnen zupass kam, bot ihr das eine naheliegende Waffe; zugleich machte es diese Intimität offener und weniger sicher in ihrer Bedeutung ... Diese Ambiguität läßt auf eine Spannung im elisabethanischen England schließen, die wir heute nicht gewöhnt sind."

3.

Nur ein knappes Jahrhundert später schon existiert diese Ambivalenz nicht mehr. "Die molly houses des frühen achtzehnten Jahrhunderts stehen in einem scharfen Kontrast zu den sozial amorphen Formen, in denen Homosexualität statt hatte," schreibt Bray in seinem Buch Homosexualität im England der Renaissance. Molly houses können wir uns etwa so vorstellen, wie ein Mitglied der Society for the Reformation of Manners sie in denunziatorischer Absicht beschrieb: "Ich fand zwischen vierzig und fünfzig Männer vor, die miteinander Liebe machten, wie sie es nannten. Sie sitzen einander auf den Schößen, küssen sich in verdorbener Weise und benutzen ihre Hände unschicklich. Dann stehen sie auf, tanzen, machen Scherze und imitieren Frauenstimmen ... Dann umarmen sie sich, spielen und freuen sich, und gehen paarweise in einen anderen Raum im selben Stockwerk, um, wie sie es nennen, zu heiraten."
Sodomie war von einer Sünde zu einer sündigen Eigenschaft geworden; nicht der Mensch wurde für eine schwere Verfehlung gestraft, sondern der Homosexuelle verfolgt. Deswegen ist auch einiges über die molly houses und ihre Besucher aus Prozessakten bekannt: Sie waren ein Ghetto, manchmal klaustrophobisch eng und bedrückend, manchmal "ein Platz, um die Maske abzunehmen", wie Bray schreibt. In ihrer Sprache wurden heterosexuelle Begriffe ironisch gewendet, der Raum, in dem Paare miteinander Sex haben konnten, war die "Kapelle", der sexuelle Akt "heiraten" oder "Hochzeitsnacht", entsprechend war "husband" der Sexpartner. Es gab Tuntenbälle, "die Männer nannten einander 'Meine Liebe'", wie ein zeitgenössicher Denunziant schrieb.
1726 fand die Verfolgung der Besucher der molly houses einen vorläufigen Höhepunkt. Viele der Häuser wurden durchsucht und geschlossen, die Besucher verhaftet. Vielen von ihnen wurde der Prozess gemacht, einige wurden gehängt. Es gab auch Widerstand: "Als 1725 eine Razzia in einem molly house in Covent Garden stattfinden sollte, setzten sich die Anwesenden, viele in Frauenkleidern, mit vorbereiteter Militanz zur Wehr."
4.

Wie kam es zu diesem Umschlag in weniger als einhundert Jahren wie wurde Homosexualität von der Handlungs- zur Seinskategorie? Die molly houses, sowohl geschützte Gegenwelt als auch stigmatisierendes Ghetto, als Ausdruck des vom "Normalen" separierbaren Homosexuellseins nehmen die moderne Identitätsfalle vorweg. Sie ziehen Hass auf sich, weil auf sie die gelingende Selbstbestimmung, und sei es nur die der Körper, als ein nur wenigen vorbehaltenes Glück projiziert wird. In der Exkommunikation und der durch sie ermöglichten Verfolgung des Homosexuellen im besonderen, des Unsittlichen im allgemeinen, exorziert die bürgerliche Gesellschaft ihre eigene Utopie, verneint ihr transzendentes Moment: Der disziplinäre Zwang des Kapitalverhältnisses selbst kassiert die durch ihn ermöglichte Individuation.
Die Verfolgung der mollies im Anfang des 18. Jahrhunderts war ein früher Ausdruck des Volksstaates, die Pogrome folgten der Gesetzmäßigkeit des Bündnisses von Mob und Elite, von Pöbel und Staatsmacht. Wenn 1726 einer der Angeklagten vor Gericht sagt: "Ich glaube, dass es kein Verbrechen ist, meinen eigenen Körper zu meinem Vergnügen zu benutzen", ist dies Ausdruck des frühen Subjekts, dass seine Autonomie noch zu wahren bemüht ist, dessen Verfolgung allerdings den gleichen Ursprung hat wie die Autonomie, die es gegen sie zu verteidigen hat.

5.

Der Zusammenhang zwischen Durchsetzung des Kapitalverhältnisses und Herausbildung von Identitäten lässt nur einen Schluss zu: Identität ist objektiver Zwang. Schwule Identität selbst ist schon ein Produkt der Repression. Der subjektiv allzu verständliche Versuch, dieser bitteren Erkenntnis zu entfliehen, sei es durch ideologische Aufladung, sei es durch ein Spiel changierender, queerer Identitäten, bleibt bestenfalls folgenlos, schlimmstenfalls endet er in dem Versuch, durch Assimilation gesellschaftliche Anerkennung zu erheischen.
Die Kritik dieses Zwangsverhältnisses führt weit über die sexuelle Emanzipation hinaus: Homophobie funktioniert unabhängig von Schwulen wie Antisemitismus auch ohne Juden existent ist, weil sich das Subjekt via Homophobie, Rassismus, Antisemitismus usw. seiner Zugehörigkeit zum gesellschaftlichen Ganzen versichert. Deswegen trifft Sartres Wort zu, dass der Antisemit den Juden erfinden müsste, gäbe es ihn nicht; derselbe Mechanismus gilt für die Homophobie: Gäbe es nicht jemanden, dessen Sexualität nicht durch Fortpflanzung legitimierbar ist, der Homophobe müsste ihn erfinden.
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