“Der Friedenskämpfer” Issam Sartawi: Verzerrungen mit Methode

by Florian Markl
September 20th, 2011

Im Wiener Picus-Verlag ist dieser Tage eine Biographie des palästinensischen Politikers und ehemaligen Kreisky-Vertrauten Issam Sartawi erschienen. Bei der Autorin des Buches („Der Friedenskämpfer. Arafats geheimer Gesandter Issam Sartawi“) handelt es sich um die profil-Journalistin Tessa Szyszkowitz, die u. a. mehrere Jahre als Korrespondentin in Jerusalem tätig war. So interessant ihre Rekonstruktion von Sartawis Bemühungen um eine internationale Anerkennung der PLO passagenweise ist, so wenig substanziell Neues ist über den 1983 von einem Killer der Abu Nidal Organisation erschossenen Sartawi zu erfahren. Dafür ermöglicht das Buch einen Einblick in Szyszkowitz‘ Sichtweise des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern, und das ist insofern aufschlussreich, als deren Auslassungen und Verzerrungen erahnen lassen, warum eine Zeitschrift wie profil so über den Nahostkonflikt berichtet, wie sie es eben tut.

Von Szyszkowitz erfahren wir, dass Issam Sartawi 1935 in Akko im damals britischen Mandatsgebiet Palästina geboren wurde. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 flüchtete seine Familie ins Westjordanland und zog von dort weiter nach Bagdad. Hier studierte der junge Sartawi zunächst Ingenieurswesen und begann anschließend, nach einem zweijährigen Aufenthalt in England, Medizin zu studieren. Zusammen mit seiner Frau, ebenfalls eine Medizinerin, die er 1963 heiratete, zog er in die USA, machte an einem Spital in Cleveland seinen Turnus und wollte sich auf Herzchirurgie spezialisieren. Die Facharztausbildung schloss er jedoch nicht ab, da er sich nach der desaströsen Niederlage der Araber in Sechstagekrieg dazu berufen fühlte, in den Nahen Osten zurückzukehren und in den Kampf gegen Israel zu ziehen. Zunächst stand er der Fatah Jassir Arafats nahe und kümmerte sich als Arzt um deren verwundete Kämpfer, doch im November 1968 gründete er seine eigene Organisation, das „Aktive Komitee für die Befreiung Palästinas“. Wie viele andere palästinensische Gruppierungen wurde auch Sartawis Gruppe in den frühen 1970er-Jahren auf dem Parkett des internationalen Terrorismus tätig: Am 10. Februar 1970 attackierten drei Terroristen des „Aktiven Komitees“ am Münchner Flughafen eine Maschine der israelischen Fluglinie El Al; ein Israeli wurde getötet, elf andere verwundet. (Was Szyszkowitz nicht erwähnt: Die drei festgenommenen Angreifer aus Sartawis Truppe wurden noch im gleichen Jahr von der PFLP im Zuge der multiplen Flugzeugentführung freigepresst, die schließlich zum „Schwarzen September“ und der blutigen Vertreibung der palästinensischen Gruppierungen aus Jordanien führte.)

Anders als bei vielen anderen palästinensischen Terroristen setzte bei Sartawi allerdings bereits früh ein Umdenkprozess ein. Er löste seine Gruppe auf und reihte sich in die Fatah ein, wo er mit zu den Ersten gehörte, die über eine Verhandlungsstrategie als Alternative zum terroristischen Kampf gegen Israel nachdachten. Nach der erneuten Niederlage der arabischen Staaten im Jom Kippur-Krieg zog Sartawi Mitte der 1970er-Jahre nach Paris und begann dort, so lassen sich Szyszkowitz Ausführungen zusammenfassen, mit seinen rastlosen Bemühungen im Dienste zweier Ziele. Erstens wollte er die europäischen Staaten und die USA dazu bringen, die PLO als legitime Vertreterin des palästinensischen Volkes anzuerkennen, ohne deren Einbindung an eine Beilegung des bereits Jahrzehnte währenden Konfliktes nicht zu denken sei. Die Bilanz dieses Unterfangens blieb gemischt: Nicht zuletzt dank des Engagements des österreichischen Kanzlers Bruno Kreisky – Szyszkowitz‘ Kapitel über Kreisky trägt bezeichnenderweise den Titel „Der beste Jude“ – konnte Sartawi einige Erfolge im Kampf um die diplomatische Anerkennung der PLO verbuchen. In den USA blieben seine Bemühungen hingegen weitgehend erfolglos. Zumal solange Henry Kissinger noch die Fäden der amerikanischen Außenpolitik zog, war an eine Anerkennung der PLO nicht zu denken, sofern diese sich nicht eindeutig vom Ziel der Zerstörung  Israels verabschiedete und ihre Charta dementsprechend veränderte. (Szyszkowitz kann anscheinend nicht verstehen, warum die USA einfach nichts mit dem erklärten Feind ihres Verbündeten Israel zu tun haben wollten. In eine Fußnote bemerkt sie: „Said K. Aburish stellt in seiner kritischen Arafat-Biografie lapidar fest: ‚Kissinger akzeptierte die PLO nie als einen Partner in der Annäherung an eine friedliche Lösung.‘ Doch die vorsichtige Politik gegenüber der PLO war nicht auf Kissinger oder auf republikanische Regierungen beschränkt.“ Im Haupttext macht sie klar, wer ihrer Ansicht nach für die Zurückweisung der Palästinenser verantwortlich war: „Kissinger bekommt den Druck der jüdischen Lobby zu spüren.“ Auf den Gedanken, dass die USA nicht gerade begeistert von einer Truppe waren, die erst drei Jahre zuvor im sudanesischen Khartum zwei als Geiseln genommene amerikanische Diplomaten ermordet hatten, kommt Szyszkowitz nicht.)

Sartawis zweites großes Vorhaben war es, mit Israelis ins Gespräch zu kommen, die seine Überzeugung teilten, dass nur Verhandlungen zwischen Israel und der PLO zu einer tragfähigen Lösung des Nahostkonflikts führen könnten. Ab Mitte 1976 trifft Sartawi sich tatsächlich mit israelischen „Friedenseuphorikern“, darunter der hoch dekorierte General der israelischen Armee Matti Peled, der Journalist und zeitweilige Knesset-Abgeordnete Uri Avnery und der Politiker Arie Eliaw. Alle Beteiligten gingen mit diesen Treffen ein großes persönliches Risiko ein, und sobald die Öffentlichkeit Wind von diesen Gesprächsrunden bekam, bekamen sie den Gegenwind deutlich zu spüren. Insbesondere Sartawi wurde von seinen Gegnern innerhalb der PLO scharf angegriffen. Mehrfach war es einzig der Schutz durch Arafat, der Sartawi das Leben rettete. Der PLO-Chef wollte seinen „geheimen Gesandten“ zwar lange Zeit nicht über die Klinge springen lassen, machte aber auch keinerlei Anstalten, ihn und seine Mission öffentlich und unzweideutig zu unterstützen. Mochte es auch Sartawis Überzeugungen entsprochen haben, wenn er westlichen Zuhörern eins ums andere Mal erklärte, die PLO strebe gar nicht die Zerstörung Israels an, die diesbezüglichen Passagen der PLO-Charta würden alsbald abgeändert und implizit hätten die Palästinenser Israel schon längst anerkannt, die politische Realität hatte mit diesen Wünschen wenig gemein. Am prägnantesten fasste Shimon Peres die Situation 1982 in einem Interview zusammen: „Sartawi vertritt nicht Arafat; Arafat vertritt nicht die ganze PLO und die PLO bietet keine Hoffnung für die Palästinenser.“ Dem wäre noch hinzu zu fügen: Sowenig Sartawi Arafat oder die PLO vertrat, so wenig repräsentativ waren im Gegenzug seine europäischen und vor allem israelischen Gesprächspartner. Zugang fand er in erster Linie zu europäischen Antizionisten (wie Kreisky) auf der einen und zu Israelis (wie Avnery) auf der anderen Seite, die sich in ihrem eigenen Land am Rand des politischen Spektrums befanden und kaum nennenswerten Einfluss hatten.

Innerhalb der PLO wuchs der Widerstand gegen den von Sartawi angestrebten Kurswechsel, und als dieser sich während einer Sitzung der PLO-Führung in Algier Anfang 1983 auch noch lautstark mit Arafat überwarf, waren seine Tage gezählt. Auf der Abschussliste der Abu Nidal Organisation stand sein Name ohnehin schon längere Zeit ganz oben; dass Arafat nun nicht mehr seine schützende Hand über Sartawi hielt, war nur mehr der sprichwörtliche Nagel für dessen Sarg. Am Rande einer Sitzung der Sozialistischen Internationale wurde Sartawi am 10. April 1983 in der Lobby eines Hotels im portugiesischen Albufeira von einem Abu Nidal-Mann erschossen.

Wie Szyszkowitz hervorhebt, beruhte Sartawis Erfolg bei europäischen Politikern vor allem auf seiner westlich geprägten Bildung und seinen angenehmen Umgangsformen, die ihn für viele Menschen zu einem interessanten, charmanten und humorvollem Gesprächspartner machten. Überdies vertrat Sartawi auch moderate Inhalte, die sich deutlich von der üblichen anti-israelischen Propaganda palästinensischer Gruppierungen unterschieden. Doch auch der scheinbar so rationale Sartawi hatte seine dunklen Momente, in denen von Besonnenheit und Vernünftigkeit nicht viel übrig blieb. Als die israelische Arbeiterpartei 1980 etwa in ihrem Programm eine Bekämpfung („Liquidierung“) der PLO forderte und eine alternative palästinensische Führung aufbauen wollte, vermeinte Sartawi daraus den Plan zu einem „Genozid an den Palästinensern ableiten“ zu können. Während des Libanonkrieges 1982 verkündete er, der „israelische Expansionismus“ ziele darauf ab, die Kontrolle über die Ölfelder des Nahen Ostens zu erlangen – ein abwegiger Gedanke, der allerdings zu einer Art fixen Vorstellung Sartawis wurde. So behauptete er an anderer Stelle: „Israels strategisches Ziel ist es, die arabischen Ölfelder zu erreichen.“ Warum die Israelis zu diesem Zwecke ausgerechnet in den Libanon hätten einfallen sollen, das verstehe wer kann. Und auch Sartawis politische Traumvorstellung hätte bei europäischen Sozialisten eigentlich wenig Begeisterung auslösen dürfen: „Trotz unserer traurigen Lage träumten wir plötzlich von einem Palästina, in dem es keine Ausländer mehr geben würde … von grünen Wiesen, von Landschaften ohne moderne Gebäude und Wolkenkratzer, ohne die modernen Bauwerke, die Jerusalem einhüllen und die Stadtsilhouette ruiniert haben“.

Charakteristisch für Szyszkowitz‘ Buch ist, dass sie derlei Passagen zwar zitiert, sich mit Kritik an Sartawi aber auffällig zurückhält. Nun ist ihr nicht unbedingt vorzuwerfen, sich mit Sartawi selbst oder seinen Positionen zum Nahostkonflikt zu identifizieren und daher so manche Ungereimtheit oder problematische Aussage zu übergehen. Auf der stilistischen Ebene anstrengend wird ihre Parteinahme aber, wenn sie in ihrem Bemühen, den Lesern ein Einfühlen in die emotionalen Zustände ihres Hauptdarstellers zu ermöglichen, ständig staccato-artige Sätze verbricht wie: „Issam Sartawi wird von Unruhe ergriffen“, oder: „Issam ist tief getroffen.“ Schon ein wenig fragwürdiger ist es, wenn sie unkommentiert Stehsätze aus dem palästinensischen Propagandarepertoire übernimmt, wie etwa: „Arafat ist mit der palästinensischen Befreiungsbewegung verheiratet.“ Wirklich problematisch wird es allerdings, wenn Szyszkowitz‘ Parteinahme zur Folge hat, dass ihre Darstellung des historischen Kontextes, des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern, auf eine Art und Weise erfolgt, die als tendenziös zu Gunsten der Palästinenser zu bezeichnen sicher nicht übertrieben ist. Dazu bedient sich Szyszkowitz dreier verschiedener Methoden, die im Folgenden beschrieben und anhand von Beispielen erläutert werden sollen.

Methode Nummer eins der tendenziösen Darstellung der Auseinandersetzungen im Nahen Osten besteht darin, bestimmte Ereignisse zu nennen, aber nicht zu erwähnen, wer die Verantwortung für diese Ereignisse trug. Nehmen wir als Beispiel folgende Passage über Akko, die Geburtsstadt Sartawis: „Nach dem UN-Teilungsplan soll die Stadt Teil des arabischen Staates Palästina werden. Doch im Frühling 1948 bricht der Krieg aus. Akko wird von jüdischen Soldaten belagert. Am 17. Mai 1948 erobert die Haganah die alte Kreuzfahrerstadt. Zwei Drittel der knapp 20.000 arabischen Einwohner suchen das Weite. Die Familie Sartawi flüchtet ins Westjordanland.“ Diese Schilderung ist nicht an sich falsch, genauso wie es nicht falsch wäre, wenn jemand sagen würde: „Am 1. September 1939 brach Krieg zwischen Deutschland und Polen aus.“ Aber würde nicht jeder unbefangene Leser angesichts dieses Satzes völlig zu recht stutzig werden? Ein Krieg bricht nicht einfach aus, sondern wird begonnen, und in der Regel weiß man auch von wem. Der israelische Unabhängigkeitskrieg bildet diesbezüglich keine Ausnahme, und die Antwort auf die Frage, wer ihn begonnen hat, lautet: die Israelis waren es nicht. In Szyszkowitz‘ Darstellung wird aus dem Beginn des Krieges durch die arabische Seite jedoch ein Ereignis ohne verantwortlichen Akteur – im Frühling brach der Krieg aus. In der Folge gibt es plötzlich wieder verantwortliche Akteure: „Jüdische Soldaten“ sind es, die Akko belagern; die „Haganah“ ist es, die die Stadt erobert. Die arabische Seite taucht hingegen nur als Opfer auf: Nachdem der Krieg ausgebrochen ist, ohne dass genannt wird, wer ihn begonnen hatte, suchten die „arabischen Einwohner“ nun das Weite, die „Familie Sartawi“ floh.

Dieses Muster zieht sich durch das gesamte Buch. Beispiel „Schwarzer September“ 1970 in Jordanien: „Die Lage der Palästinenser in Jordanien wird zusehends heikler. Die palästinensischen Fedajin sind nervös. Ihre Angriffe auf Israel und auf US- und andere westliche Diplomaten in Amman intensivieren sich. Hussein versucht es mit Kompromissen.“ Im September ist „seine Geduld mit den palästinensischen Störenfrieden“ aufgebraucht. „Am 17. September wirft er seine Armee auf Flüchtlingslager und Militärquartiere. Der ‚Schwarze September‘ restauriert König Hussein als Herrscher über Jordanien.“ Hier gibt es zwar keine involvierten Israelis, denen Szyszkowitz den schwarzen Peter zuschieben könnte, aber sie kann sich immerhin noch bemühen, die Verantwortung der palästinensischen Gruppierungen für die Eskalation zu verschleiern – einzig der Begriff „restaurieren“ weist darauf hin, dass die palästinensischen Gruppen unter Arafats Führung hochoffiziell den Beschluss gefasst hatten, König Hussein zu stürzen und die Macht in Jordanien zu ergreifen.

Beispiel Libanon 1982: „Für die Palästinenser ist der Krieg ebenfalls eine Katastrophe. Der Angriff der Israelis ist für die verschiedenen libanesischen Volksgruppen ein willkommener Vorwand, die PLO loszuwerden. Arafats Kämpfer haben das ohnehin nur schwer zu regierende Land destabilisiert.“ So zurückhaltend kann man das Faktum auch umschreiben, dass der Libanon vor dem israelischen Einmarsch bereits seit sieben Jahren unter einem Bürgerkrieg litt, zu dessen Ursachen nicht zuletzt der „Staat im Staate“ gehörte, den die palästinensischen Terrorgruppen dort nach ihrem Hinauswurf aus Jordanien errichtet hatten. Arafat und Konsorten hatten das Land nicht „destabilisiert“, sondern in einen blutigen Krieg gestürzt.

Methode Nummer zwei der tendenziösen Darstellung besteht darin, Ereignisse zu erwähnen und auch deren Ursache nicht zu verschweigen, diese aber so an eine andere Stelle im Text zu verschieben, dass der Zusammenhang von Ursache und Wirkung nicht mehr ersichtlich wird. So schreibt Szyszkowitz über den Sechstagekrieg: „Kaum hat Arafat Fatah als politische Vertretung für die Palästinenser etabliert,“ – was nebenbei bemerkt falsch ist: vor 1967 konnte überhaupt keine Rede davon sein, dass die Fatah als Vertretung der Palästinenser „etabliert“ gewesen sei – „kommt es zur zweiten Katastrophe für die Palästinenser innerhalb von zwanzig Jahren. Sie verlieren binnen sechs Tagen die andere Hälfte ihrer Heimat. Die Israelis erobern im Juni 1967 den Gazastreifen, das Westjordanland und Ostjerusalem mit der Altstadt, Felsendom und Westmauer inklusive. … Israelis und Juden in der ganzen Welt sind im Freudentaumel. Die Eroberung der Altstadt wird als ‚Israels zweite Geburt‘ gefeiert. Für die Araber im Nahen Osten und in Amerika aber bricht der Rest ihrer Welt zusammen.“ Die Vorgeschichte des Sechstagekrieges wird erst später in einem Absatz erwähnt, der zwar nicht falsch, dafür aber derart wirr formuliert ist, dass niemand daraus schlau werden kann, der die Geschichte nicht ohnehin kennt – Israel habe seine Bedrohung übertrieben, ein syrisch-israelischer Grenzkonflikt sei am Anfang der Eskalation gestanden, die Sowjets hätten ihre Verbündeten Ägypten und Syrien falsch informiert. Auch werden darin wichtige Entwicklungen ausgelassen: Kein Wort über die Schließung der Straße von Tiran für israelische Schiffe durch Ägypten, kein Wort über den verlangten Abzug der UNO-Truppen aus der Pufferzone am Sinai, kein Wort über die Einrichtung eines gemeinsamen militärischen Kommandos von Ägypten, Syrien und Jordanien, kein Wort über die ständigen Vernichtungsdrohungen gegen Israel. Stattdessen: erobernde Israelis, die wie von Sinnen („im Freudentaumel“) feiern und Araber, für die eine Welt zusammenbricht.

Beispiel Libanonkrieg 1982: „Die israelische Armee marschiert … über die Grenze in den Norden. Offizielle Begründung für die Operation ‚Friede für Galiläa‘: Am Tag davor hat ein Auftragsmörder Abu Nidals versucht, den israelischen Botschafter in London … zu ermorden. … Doch der Anschlag allein ist nicht der Grund, warum Verteidigungsminister Ariel Scharon Premierminister Menachem Begin in diesen Krieg treibt. Scharon will mit einem kurzen, zweitägigen Waffengang die militärische Infrastruktur der PLO-Kämpfer in einem Streifen von 40 Kilometern jenseits der israelischen Grenzen zerstören.“ Dass das Attentat auf Botschafter Schlomo Argow nur ein Vorwand war, davon war auch Issam Sartawi überzeugt, weshalb er sich in Pressenkonferenzen auch ausgiebig darüber ausließ, dass es nur einen logischen Schluss gäbe: Die Israelis steckten hinter der Abu Nidal Gruppe. Erst an anderer Stelle wird beiläufig erwähnt, was die Israelis zur Invasion des Libanon veranlasst haben könnte. Über Arie Eliaw, einen der israelischen Gesprächspartner Sartawis aus den siebzieger Jahren, schreibt Szyszkowitz: „Eliaw war ein Jahr an der Harvard-Universität als Gastlektor und ist dann nach Israel zurückgekehrt, wo er als Lehrer in Kiriat Schmona arbeitet, an der Grenze zum Libanon. Die Bewohner sind bis zum Libanon-Krieg vom ständigen Katjuscha-Beschuss aus dem Südlibanon zermürbt worden. ‚Es regnete Katjuschas auf Kiriat Schmona und etwa ein Drittel der Bevölkerung hatte die Stadt verlassen‘, meint Eliaw.“ Diese ständigen Angriffe auf den Norden Israels waren der Grund für die Libanon-Invasion. Szyszkowitz zerrreißt diesen Zusammenhang, der die Rede vom grundsätzlich „ungerechten Krieg“ Israels im Libanon etwas an Überzeugungskraft einbüßen lässt.

Methode Nummer drei der tendenziösen Darstellung besteht darin, die Schuld an bestimmten Entwicklungen des Konfliktes beiden Konfliktparteien gleichermaßen zuzuschreiben, obwohl jeder unbefangene Blick auf die Ereignisse zeigen würde, dass dies eine verzerrende Sichtweise ist. Nehmen wir als Beispiel die folgende Schilderung: „Die palästinensischen Gruppen sind nicht die Einzigen, die mit Terroranschlägen die Region destabilisieren. Bis August 1970 zermürben Israel und die arabischen Nachbarn einander mit immer neuen Grenzübergriffen.“ Wovon Szyszkowitz hier spricht ist der so genannte „War of Attrition“, der nur wenige Wochen nach dem Ende des Sechstagekrieges begann und im Wesentlichen aus ägyptischen Angriffen auf israelische Stellungen jenseits des Suezkanals bestand. Die ägyptische Überlegung lautete: Die israelische Gesellschaft könne es sich nicht leisten, über einen längeren Zeitraum hinweg nennenswerte Ressourcen zur Verteidigung ihrer Frontlinien bereit zu stellen, weil ihre Armee aus Soldaten bestand, die nur im akuten Notfall einberufen wurden. Darüber hinaus könne sie die Verluste nicht ertragen, die aus einem permanent am Kochen gehaltenen Grenzkleinkrieg resultieren würden. Dass die Israelis die ägyptischen Angriffe nicht unbeantwortet ließen, bietet Szyszkowitz die Gelegenheit, von gegenseitigen Grenzübergriffen zu sprechen, für die alle gleichermaßen verantwortlich gewesen wären. Mehr noch: Ihre Formulierung lautet ja: „Israel und die arabischen Nachbarn“ hätten sich gegenseitig zermürbt – in der Beschreibung eines Konflikts, der nicht von Israel ausging, nennt sie den Judenstaat dennoch als ersten Beteiligten und kehrt damit das implizite Aktion-Reaktion-Verhältnis um.

An anderer Stelle schreibt Szyszkowitz über die siebziger Jahre: „Radikale Palästinenser innerhalb und außerhalb der PLO wollen Israel auslöschen, nicht anerkennen; arabische Potentaten nützen den Palästina-Konflikt für ihre eigenen politischen Manöver und haben kein Interesse an einer Lösung; der israelische Geheimdienst Mossad bringt in diesen Jahren systematisch alle Feinde Israels um.“ In dieser Schilderung macht es überhaupt keinen Unterschied, ob palästinensische Terroristen unterschiedslos israelische/jüdische Zivilisten angreifen, oder ob der israelische Geheimdienst gezielt gegen führende Köpfe dieses Terrors vorging, mit allen Fehlern und Pannen, die ihm dabei unterliefen. (Szyszkowitz‘ Behauptung, der Mossad habe „systematisch alle Feinde Israels“ umgebracht, bedarf ob ihrer offenkundigen Haltlosigkeit keines Kommentars. An ganz anderer Stelle, hier haben wir es wieder mit der oben beschriebenen zweiten Methode tendenziöser Darstellungen zu tun, weist Szyszkowitz ausdrücklich darauf hin, der Mossad dürfe „Menschen nur dann umbringen, wenn diese einen Anschlag gegen Israelis planen. Der israelische Premierminister muss zu jedem Mord seine ausdrückliche Zustimmung geben.“)

Die Gleichsetzung terroristischer Gewalt und staatlicher Selbstverteidigung findet sich auch in der Beschreibung der ersten Gespräche Sartawis mit Israelis in Frankreich: „Die größte Nähe aber gibt es zwischen Issam Sartawi und Matti Peled. Beide haben eine kriegerische Vergangenheit, beide sind bereit, jederzeit wieder für ihre Heimat zu kämpfen, beide haben aber erkannt, dass ein gegenseitiger Vernichtungskrieg völlig sinnlos ist.“ Szyszkowitz lässt den kleinen Unterschied beiseite, dass Peled nicht erst von der Sinnlosigkeit eines „Vernichtungskrieges“ gegen die Palästinenser überzeugt werden musste, weil weder er noch andere Israelis je an einem solchen beteiligt waren. Sartawi hingegen musste sich einerseits erst von seinem Traum eines Palästinas „ohne Ausländer“ verabschieden, bevor er mit Israelis ins Gespräch kommen konnte, und gehörte andererseits einer Organisation an, die Zeit seines Lebens – sehr zu seinem Bedauern – nicht dazu bereit war, von ihrem deklarierten Ziel, der Vernichtung des jüdischen Staates, Abstand zu nehmen. Die Gleichsetzung von terroristischer Gewalt und staatlicher Selbstverteidigung, die gewöhnlich im Reden von einer sicher weiterdrehenden „Gewaltspirale“ zum Ausdruck kommt, gehört zwar zu den Fixpunkten journalistischer Nahostberichterstattung, doch das macht sie weder intellektuell angebracht noch moralisch redlich.

Ein besonders bedenklicher Vergleich findet sich im Epilog des Buches, in dem Szyszkowitz eine Art Überblick über die Entwicklungen des „Friedensprozesses“ der letzten Jahre gibt. Ihr Resümee lautet: „Die Hoffnung auf Frieden zerbrach auf beiden Seiten.“ Auf der einen Seite habe sich seit 1994 die Zahl der israelischen Siedler im Westjordanland massiv erhöht. „Umgekehrt explodierten ab 1994 immer mehr Bomben in Autobussen und Kaffeehäusern.“ Diese Feststellung ist insofern bemerkenswert, als Szyszkowitz nur eine Seite davor behauptet, „(b)ereits 1995 erhielt der Friedensprozess einen entscheidenden Schlag, von dem er sich praktisch bis heute nicht erholte. Jitzhak Rabin wurde … von dem rechtsradikalen jüdischen Siedler Igal Amir erschossen.“ Aber haben nicht auch die Nachfolger Rabins am Friedensprozess festgehalten? Selbst Benjamin Netanjahu, der ohne die mörderischen Bomben der Hamas vermutlich nie an die Macht gekommen wäre, stellte in seiner ersten Amtszeit den Oslo-Prozess nicht in Frage, mag er sich auch, wie Szyszkowitz bemerkt, „nur mit zusammengebissenen Zähnen an die geschlossenen Abkommen“ gehalten haben. Trotzdem beharrt sie darauf, der „entscheidende Schlag“ gegen den Friedensprozess wären nicht die Bomben der Hamas seit 1994 gewesen, sondern die Ermordung Rabins ein Jahr später.

Doch warum begannen die Islamisten ihre tödlichen Attacken? „Für die israelische Bevölkerung war es vollkommen unverständlich, wieso die Palästinenser gerade in jenen Monaten, wo der Friede greifbar schien, Israel mit Terror überzogen. Die meisten Israelis aber hatten nie einen Fuß in die Westbank, geschweige denn nach Gaza gesetzt und wussten nicht, dass die Palästinenser dort statt Frieden auf immer mehr Straßensperren, Soldaten und Siedler trafen.“ Diese zwei Sätze offenbaren mehr über Szyszkowitz Sicht der Dinge, als über die Art und Weise, wie die Israelis auf den Terror der Hamas reagierten. Die waren nämlich längst nicht so naiv, wie die profil-Journalistin sie hier darstellt. Dass die überwältigende Unterstützung, die der Friedensprozess in seinen ersten Jahren in der israelischen Gesellschaft genoss, langsam zu bröckeln begann, war Resultat der Erkenntnis, dass der weitgehende Rückzug Israels aus den „besetzten“ Gebieten nicht mehr Frieden, sondern mehr Terror zur Folge hatte. Denn anders als Szyszkowitz behauptet, waren diese ersten Jahre des Friedensprozesses davon geprägt, dass die Israelis die Kontrolle über einen Großteil des Territoriums im Westjordanland und vor allem über die palästinensischen Bevölkerungszentren an die Palästinensische Autonomiebehörde abgaben – von „immer mehr“ Straßensperren und Soldaten konnte also überhaupt keine Rede sein. Und selbst wenn das der Fall gewesen wäre, hätten Straßensperren, Soldaten und Siedler es aus Szyszkowitz‘ Sicht verständlich gemacht, dass Palästinenser sich vor einer Disko in Tel Aviv oder in einer Pizzeria in Jerusalem in die Luft jagten um möglichst viele Juden zu töten? Und warum eskalierte die Gewalt im Herbst 2000, als Ehud Barak Arafat in den Verhandlungen von Camp David die Errichtung eines palästinensischen Staates auf fast 100 Prozent der „besetzten“ Gebiete anbot? Die Verhandlungen „scheiterten“, lässt Szyszkowitz uns wissen. Wer brachte sie zum Scheitern? „Bis heute schieben sich die beiden Lager gegenseitig die Schuld zu.“ Wieder so eine Gleichsetzung: Dass beide Konfliktparteien die jeweils andere Seite für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich machten, dürfte niemanden überraschen. Aber das heißt noch lange nicht, dass die gegenseitig vorgebrachten Schuldvorwürfe auch gleich berechtigt wären. Nach der überwältigenden Mehrzahl der vorhandenen Quellen steht kaum in Frage, dass es Arafat war, der die Verhandlungen zum Platzen brachte und die so genannte zweite Intifada vom Zaun brach. (Der selbe Arafat übrigens, der, wie Szyszkowitz an anderer Stelle schreibt, 2005 „unter ungeklärten Umständen gestorben“ sei. „Viele Beobachter glauben bis heute, er sei vergiftet worden.“ Ich kann mir gut vorstellen, dass viele der „Beobachter“, mit denen Szyszkowitz verkehrt, an eine Vergiftung Arafats glauben, genauso wie viele „Beobachter“ noch immer davon überzeugt sind, das World Trade Center sei in Wahrheit vom amerikanischen Geheimdienst gesprengt worden.)

Es ist nach all dem nicht weiter verwunderlich, dass Szyszkowitz den Sicherheitsmaßnahmen, die Israel im Zuge der so genannten zweiten Intifada ergreifen musste, wenig Verständnis entgegen bringt. Im Jahr 2007 passierte sie mit einer Tochter Sartawis den Checkpoint Kalandia zwischen Jerusalem und Ramallah. „All diese trennenden Metallstäbe, Drehtüren und Neonlichter. Ein Ort des Misstrauens, des Militarismus. Obwohl das System uns nichts anhaben konnte oder wollte, fühlten wir uns nicht wohl.“ Hier kommt das vollkommen fehlende Vermögen dieser Sorte von Journalisten zum Ausdruck, dem Verhalten der Israelis auch nur ansatzweise rationale Gründe zu unterstellen. Nach all den verheerenden Selbstmordanschlägen, mit denen Israel seit Beginn des „Friedensprozesses“ konfrontiert war, kann Szyszkowitz einfach nicht verstehen, woher das Misstrauen der Israelis nur kommen könnte. Deshalb mutiert eine notwendige Sicherheitseinrichtung in eine Manifestation des israelischen „Militarismus“. Wenn sie schließlich noch von „dem System“ zu raunen beginnt, das ihr nichts anhaben könne, beginnt man langsam, sich wirklich Sorgen über ihren Geisteszustand zu machen.

Das Verschweigen der Verantwortung für einzelne Entwicklungen im Nahostkonflikt, das Auseinanderreißen ursächlicher Zusammenhänge sowie fragwürdige (um nicht zusagen: ungerechtfertigte) Gleichsetzungen sind die drei Methoden, derer sich Szyszkowitz in ihrer Darstellung des Nahostkonflikts bedient. Diese führen im Verlauf des Buches immer wieder zu Verzerrungen der historischen Realität, die schwerlich als bloße Fehler abgetan werden können. Denn Fehler müssten sich gleichmäßig verteilen, Szyszkowitz‘ Verzerrungen weisen aber immer nur in eine Richtung. Nach der Lektüre von „Der Friedenskämpfer“ wundert man sich jedenfalls nicht mehr, weshalb die profil-Berichterstattung über den Nahostkonflikt so aussieht, wie sie es eben tut: Dass das israelische Handeln prinzipiell nicht mit vernünftigen Gründen unterlegt wird; dass die Palästinenser eigentlich gar nichts für den Konflikt können und nie verantwortlich sind, wenn die Situation gerade wieder einmal eskaliert; dass immer nur Leute wie Uri Avnery, Daniel Barenboim oder irgend welche verrückten Ultra-Orthodoxen als Gesprächspartner herangezogen werden, wenn schon einmal überhaupt Israelis zu Wort kommen; dass jede Sorge Israels grundsätzlich als Manifestation krankhaften Verfolgungswahns dargestellt wird. Wenn schon sonst wenig, so kann man wenigstens diese Erkenntnis als positiven Effekt der Lektüre ansehen.

Szyszkowitz, Tessa: Der Friedenskämpfer. Arafats geheimer Gesandter Issam Sartawi, Wien 2011, Picus Verlag, 254 Seiten, € 19.90

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