Eine Fehlentscheidung

Jedes Jahr vergibt das Time Magazine die Auszeichnung des Man of the Year. Diesmal ging der Preis an Vladimir Putin, dem zwar attestiert wird, alles andere als ein Demokrat zu sein, dem es aber zumindest gelungen sei, Russland als Nation stabilisiert und auf dem internationalen Parkett zurück ins Konzert der Mächtigen geführt zu haben. Die diesbezüglichen „Leistungen“ des russischen Präsidenten sind unbestritten, und dennoch hat Time eine Fehlentscheidung getroffen.

Blickt man auf die Liste der vergangenen Man of the Year-Preisträger, wird verständlich, warum Time die Auszeichnung keineswegs als Ehre verstanden wissen will. Charles Linbergh, der Preisträger des Jahres 1927, hatte zwar als erster das Kunststück vollbracht, mit einem Flugzeug den Atlantik nonstop zu überqueren, gehörte ansonsten aber mit zu den widerlichsten Gestalten, die die amerikanische Rechte dieser Zeit hervorgebracht hat. Sein Antisemitismus wurde allerdings vom Man of the Year des Jahres 1938 übertroffen: Nach dem Triumph des Münchner Abkommens ging der Preis an niemand geringeren, als den „Führer of the German people“, Adolf Hitler. Sehr zur Enttäuschung seiner Anhänger wurde diese Errungenschaft in den kommenden Jahren allerdings durch die zweimalige Auszeichnung (1939 und 1942) seines historischen Widersachers in Moskau in den Schatten gestellt. Überhaupt schien der Wettbewerb in den vierziger Jahren fest in den Händen der Alliierten zu sein. 1940 gewann Winston Churchill, der diesen Erfolg 1949 noch einmal wiederholen konnte. 1941 ging der Sieg an Franklin D. Roosevelt; mit Dwight D. Eisenhower (1944 und 1959) und Harry Truman (1945, 1948) triumphierten erneut Männer, die maßgeblich zur Niederlage Deutschlands beigetragen haben. Die Auszeichnung Konrad Adenauers im Jahre 1953 wird diese nationale Schmach nur wenig gelindert haben.

Mit der Zeit müssen die Anforderungen für den Man of the Year deutlich nachgelassen haben, denn anders sind die Preise für Jimmy Carter (1976), die bedrohte Erde (1988) oder Bono (2005) wirklich nicht zu erklären. Hervorzuheben wäre freilich der Triumph Khomeinis (1979), der sich nach Mohammed Mossadegh (1951) als zweiter Iraner in die Siegerliste eintragen konnte. Rekordpreisträger ist bis dato übrigens George W. Bush, der schon dreimal alle Konkurrenten ausstechen konnte. Musste er sich 1990 den ersten Platz noch mit seinem Vater teilen, gehörten die Jahre 2000 und 2004 alleine ihm.

Die aktuelle Auszeichnung für Putin bestätigt zwar einen bisherigen Trend, insofern Machthaber aus Moskau immer zu den Favoriten gezählt werden müssen und insgesamt bereits sechs Mal Platz eins belegen konnten. Sie gehört aber sicherlich nicht zu den besten Entscheidungen der Juroren. Meiner Ansicht nach müsste der diesjährige Preis ohne Zweifel an die amerikanische intelligence community gehen: Wenn ausgerechnet Behörden, die um die Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten bemüht sein sollten, einen Report veröffentlichen, der entgegen aller Fakten den Islamfaschisten in Teheran auf dem Weg zur Atombombe grünes Licht gibt, hätten sie sich die Auszeichnung redlich verdient.

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